Spenden!

Man kann die GRUNDGESETZWANDERUNG mit einer Spende unterstützen, am besten auf das Konto des stimmfeld-Vereins!
Sparda Bank West, Iban: DE55 3706 0590 0004 1538 80.
Ab einer Spende von 20 Euro schreiben wir gerne eine Spendenquittung! Stichwort: Grundgesetzwanderung



Spenden geht jetzt auch ohne Geld ausgeben auf smoost: https://smoo.st/it/78f7g

Freitag, 20. April 2018

Der 17. Tag: 20. April 2018

Auf dem ersten Teilstück der heutigen Wanderung vom Hotel in Oberveischede zur Hohen Bracht (schöner Weg mit einigen Höhenmetern) bin ich mit der immer mal wieder auftauchenden Frage durch die Wälder gestreift, was ich hier eigentlich mache. Konkret habe ich mir überlegt, in welchem Feld, oder besser: Wirkungsfeld ich mich mit der GG-Wanderung bewege. Wenn ich den Text des GG (bzw. der Grundrechte) im Zentrum der Wanderperformance positioniere, dann gibt es drei Pole, auf die der Text prinzipiell wirken kann:
- auf die Menschen, die mir zuhören, die den Blog lesen und mit denen ich wie und wann auch immer über meine Aktion ins Gespräch komme.
- auf die Orte, an denen ich den Text rezitiere
- und auf mich selbst!
Diese vier Pole Text, Leute, Orte, ich wirken in alle möglichen Richtungen aufeinander.
Ich glaube, ich kann die Wirkung auf mich selbst wieder etwas stärker in den Fokus bringen - statt damit zu hadern, keine direkte Wirkung bei den Menschen zu erzielen. Darum geht es ja gar nicht. Für den Performance- Charakter der Aktion ist es viel bedeutender, mich dauernd in der Position des Forschers und des Versuchskaninchens zu halten (respektive des "langsamen Versuchshasen").
Dazu gehört auch, je nach Laune, die Grundrechte des GG während des Gehens nur für mich zu rezitieren. Das habe ich heute getan.

Zwischenstation war heute die Hohe Bracht, ein Aussichtspunkt oberhalb von Bilstein, mit Turm und Gebäude, die wahrscheinlich aus den 1920er Jahren stammen. Anklänge ans Bauhaus sind unverkennbar.
Letzten November wurde der frisch restaurierte Ort neu eröffnet, inklusive eines Waldweges für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer. Das ganze ist demnach ein Beispiel für die aktive Umsetzung von Artikel 3 Abs.3: Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Ein guter Ort für die
erste Rezitation (1x) um 12.30 Uhr an einem Ruheplatz des Waldweges für Rollstuhlfahrer an der Hohen Bracht.

Vorher gab es auf der Terrasse Kaffee und Kartoffelsuppe, beides gut. Außerdem habe ich mit dem jungen neuen Pächter gesprochen, der erzählte, wie die Regeln des Denkmalschutzes die Renovierung beeinflusst haben. Das Ergebnis ist gelungen. Der Ort strahlt eine gute Atmosphäre aus.
Von der Hohen Bracht ging es in der apriluntypischen Mittagshitze bergab nach Bilstein, einem weiteren etwas zu sauberen und schmucken Örtchen.
Mein Plan war, in der Jugendherberge, die in der sehr schön gelegenen Burg aus dem 13. Jahrhundert eingerichtet ist, nach einer Einzelunterkunft zu fragen und den Rest des Tages hier entspannt zu verbringen. Das ist auch soweit gelungen, wenn man davon absieht, dass ich das Kleinkindaufkommen an einem Freitag klar unterschätzt habe.



Donnerstag, 19. April 2018

Der 16. Tag: 19. April 2018

In einem Traum heute Nacht ging es darum, dass ich einen großen Anhänger mit Büchern mit einem Lastenaufzug in einen Raum bringen sollte, vielleicht das Kölner Loft, auf jeden Fall ging es um Kunst. Den Anhänger in den Aufzug zu ziehen ging schief. Die Bücher lagen alle verstreut auf der Straße. Ich habe versucht, alle Bücher wieder zusammen zu räumen.
Die erste Assoziation zu dem Traum betraf einen Moment gestern als mich zum ersten Mal überhaupt auf der Wanderung ein Gefühl von Resignation überkam und Zweifel auftauchten, ob ich mit meiner Aktion irgendwo auf Resonanz stoße. Ausgelöst wurde die Anwandlung durch den ersten Besuch im Tourist-Info, wo niemand mit dem Namen Mataré etwas anfangen konnte. Ich bin dadurch in eine Oberlehrer-Attitüde gerutscht. Und da könnte der Sinn des Traumes liegen: Wenn ich die GG-Wanderung zu sehr mit meinem Wissen (respektive Halbwis  belaste, wird keine Kunst draus. Meine Aufgabe ist es, offen zu bleiben und das Gespräch zu suchen. Den Bildungskram kann ich zur Not in diesen Blog packen.
Am Morgen bin ich von Eichhagen an Biggesee und großen Straßen entlang zurück nach Olpe. Dort habe ich mir eine Ausstellung zum ersten Weltkrieg angesehen mit Fotos von Soldaten und einigen sehr starken Zitaten aus Feldpostbriefen. Ein Zitat reiche ich später nach.
Kurz habe ich überlegt, ob ich dort eine Rezitation machen soll, aber mir wird gerade die Gefahr zu groß, dass die Wanderung zu einem Kriegsgedenklauf wird. Also habe ich mich nach reine Kaffee (und einem sehr trockenen Croissant) auf den Weg gemacht. Der führte durch viel sehr schönen Wald und auf den "Napoleonweg ", wodurch eine gute Verbindung zwischen der französischen Revolution 1789 und der  (ost-) deutschen Revolution 1989 hergestellt wird. Ein guter Ort für eine Rezitation, die um 14.15. Uhr statt fand.

Da kann man sich natürlich fragen, was das denn soll, irgendwo im Wald an einer bemoosten Bank das Grundgesetz zu rezitieren. Ohne die geringste Chance auf ein mithörendes Publikum. Für wen oder was soll das gut sein? Antwort: für mich! Auf mich hat die Rezitation eine Wirkung, auch wenn ich sie nicht unbedingt in Worte fassen kann. Zugegeben, dass ich mich selbst etwas merkwürdig fühlte, doch gleichzeitig war die Waldrezitation mit einem ganz angenehmen Gefühl von Freiheit gepaart. Art. 2: Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.....

Mittwoch, 18. April 2018

Der 15. Tag: 18. April 2018

Ein relativ großes Teilstück der heutigen Etappe verlief im akustischen und im Windschatten der Autobahn. Dreimal ging es über die A4 und dann einmal unter der A45 hindurch. Die erste Rezitation fand denn auch direkt an und über der Autobahn statt. Mehr zum Thema später.
In Olpe habe Ich die von Ewald Mataré gestaltete Gedenkstätteggesucht und konnte zuerst gar nicht glauben sie gefunden zu haben. Ich habe mich in den vergangenen Monaten ein wenig mit Mataré beschäftigt, als ein Vertreter der rheinischen Moderne und als Lehrer von Joseph Beuys. Die Arbeit in Olpe kann man wohl schwerlich zu den Glanzstücken seines Werkes zählen. Ein großes goldenes Kreuz, eine schwarze Kette mit Totenköpfen und eine Steinplatte.


  • Jedenfalls habe Ich dort die zweite Rezitation des Tages gemacht.

Die Suche nach einer Unterkunft gestaltete sich erstaunlich schwierig und zuguterletzt bin ich in Eichhagen gelandet. Das liegt nicht ganz auf meinem Weg. In Olpe gab es halt kein Zimmer für mich.

Dienstag, 17. April 2018

Der 14. Tag: 17. April 2018

Am relativ frühen Morgen bin ich von der Vierbucher Mühle losgegangen zum eigentlichen Ausgangsort der Wanderung heute. Mich erwartete ein wunderbarer Frühlingsmorgen mit Sonnenschein, frischer und klarer Luft und einem sehr angenehmen Weg durch Wald und Aue. In Waldbröl gab es zwei bemerkenswerte Begegnungen, die ich später en detail berichten werde. Es handelte sich um zwei Gespräche mit Menschen, die den Krieg noch am eigenen Leib erlebt haben und mit der Erinnerung sehr unterschiedlich umgehen.
Die Rezitation an der Friedensmauer in Waldbröl war eine olfaktorische Herausforderung, denn die Wiese vor der Mauer war kurz vor meinem Eintreffen geodelt worden und stank entsprechend. Diese Mauer ist eine Hinterlassenschaft der Nazis, die an der Stelle eine große Ausbildungsstätte für ihren Nachwuchs errichten wollten. Daraus ist nichts geworden, aber die Mauer steht noch. Vor einigen Jahren hat eine Schulklasse dort den Spruch "Nie wieder Krieg" angebracht und die Stadt war klug genug, ihn dort zu lassen. Direkt vor der Schrift fand meine heutige Rezitation statt.
Danach ging es weiter in Richtung Olpe. Auf ungefähr halbem Wege (wenn man die Umwege nicht mitrechnet) bin ich für die Nacht in Wildberger Hütte im Landhaus Wuttke eingekehrt.


Montag, 16. April 2018

Der 13. Tag: 16. April 2018


Es hat mich einige Mühe gekostet, die GG-Wanderung in diesem Jahr wieder zu starten. Über die Gründe werde ich noch sprechen. Jedenfalls ist es mir heute mit der Hilfe einiger Mitwanderer gelungen, die erste Etappe des Jahres zu laufen. Begonnen habe ich in Schladern an der Sieg. Die erste und einzige Rezitation des Tages fand an einem Ort statt, an dem in der Nazi-Zeit ein Lager für russische Zwangsarbeiter stand. Bekanntlich wurden die russischen Zwangsarbeiter noch viel schlechter behandelt als diejenigen aus anderen Ländern. Das ist ein Schandfleck in der deutschen Geschichte, der noch auf eine angemessene Offenlegung wartet. Der Ort war für den Start in die diesjährige GG-Wanderung sehr geeignet, weil er mit aller Vehemenz auf Artikel 1 des GG hinweist: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Unabhängig von der Nationalität des Menschen.
Danach ging es los in Richtung Waldbröl. Trotz guter Wanderkarte und GPS sind wir an einer Stelle falsch abgebogen und haben einen unfreiwilligen Umweg eingelegt. Waldbröl zeigte sich nicht von seiner gastfreundlichen Seite, denn es ist mir dort nicht gelungen, eine Bleibe für die Nacht zu finden. Die Hotels und die Jugendherberge waren voll und das buddhistische Zentrum hat mich abgewiesen. Zu dem Zentrum gibt es eine Geschichte aus meiner Vergangenheit: Im Jahr 1985 habe ich in Waldbröl eine Schulung im Rahmen meines Zivildienstes gemacht und die damalige Zivildienstschule ist heute Teil des Zentrums. Zivildienst gibt es ja nicht mehr! Übrigens bin ich im Rahmen des Zivildienstes auch nach Auschwitz gefahren. Die Zeit war für meine politische Sozialisation von großer Bedeutung.
Untergekommen bin ich dann im "Haus am Mühlenberg", acht Kilometer von Waldbröl entfernt. Die Strecke werde ich morgen wahrscheinlich laufen müssen. Bin gespannt, ob ich am Abend im Hotel lande, in dem ich sicherheitshalber ein Zimmer gebucht habe.

Donnerstag, 12. April 2018

Es geht weiter!

Ab Montag, 16. April geht es weiter mit der GG-Wanderung. Um 11.30 Uhr starte ich mit einer Rezitation am Bahnhof in Schladern an der Sieg.  Von dort gehe ich dann weiter nach Waldbröl.
Wer wissen will, wo ich gerade bin, kann mich wie immer über Handy erreichen (sofern ich nicht in einem Funkloch laufe....): 0151 2243 1293.

Ich möchte schon jetzt die Gelegenheit nutzen, allen ganz herzlich zu danken, die die GG-Wanderung mit einer Spende unterstützt haben. Das ist nicht nur eine sehr willkommene finanzielle Hilfe, sondern eine mindestens so wichtige ideelle Beteiligung an der Wanderung, die mir das Gefühl gibt, auch dann nicht alleine durch die Wälder zu streifen, wenn ich gerade faktisch alleine unterwegs bin.
Danke!!

Sonntag, 7. Januar 2018

GRUNDGESETZ-Benefiz Anfang Februar


Ralf Peters

GRUNDGESETZ-
Benefiz
am 3. und 4. Februar 2018
in unseren zur Galerie umgestalteten Wohnräumen in Köln
(genaue Adresse auf Anfrage)
Samstag ab 14.00 Uhr, Sonntag ab 12.00 Uhr


Die Grundgesetzwanderung, die ich im Frühling wieder aufnehmen werde, kostet Geld, in erster Linie für Reise und Übernachtung. Auf eine Förderung von offiziellen Institutionen habe ich aus künstlerischen Gründen - um meine innere Unabhängigkeit wahren zu können – verzichtet.

Ein wenig finanzielle Unterstützung würde mir für die Durchführung der Wanderung sehr helfen. Deshalb möchte ich herzlich zu einer Benefizveranstaltung einladen, bei der es die Gelegenheit gibt,
Bilder, Hör-, Foto- und Textbücher aus meiner Werkstatt
auf Spendenbasis zu erwerben und dadurch einen Beitrag zur Durchführung der GG-Wanderung zu leisten.
Für ein kulinarisches Beiprogramm (Erbsensuppe plus X) wird gesorgt!

Agnes und ich freuen uns auf Ihr/Dein Kommen!

Wer uns an diesen Tagen nicht besuchen kann/möchte, hat auch die Möglichkeit, über den Stimmfeld-Verein für die GG-Wanderung zu spenden. Wir schreiben gerne Spendenquittungen. Die Kontodaten finden sich auf stimmfeld-verein.de.
App-affine Menschen haben außerdem die Chance, über smoo.st geldunabhängig für die Wanderung zu spenden. 

Sonntag, 17. Dezember 2017

Die GG-Performance

Am 15. und 16. Dezember 2017 habe ich im Proberaum des stimmfeld-Vereins in Köln eine Grundgesetz-Performance durchgeführt, in der ich die Fragen, mit denen ich auf Grundgesetz-Wanderung bin, in einen etwas anderen Kontext setzen wollte.


Neben dem Element der Rezitation war der Text der Grundrechte auch in der geschriebenen Form im Raum präsent und zugleich immer wieder im Verschwinden begriffen. Außerdem habe ich in bestimmten Phasen meiner Stimme freien Lauf gelassen und ihr sozusagen erlaubt, auf die Eindrücke, die durch Kernbegriffe aus den Grundrechten entstanden sind, frei klanglich zu reagieren.
Die Performance hat durch die Wiederholung weniger, aber klar definierter Aktionen einen stark rituellen Charakter.
Dank an Maria und Susanne fürs Photographieren und gemeinsam mit Winni und Sabine für die Unterstützung bei der Durchführung!!

Auf die Folien geschrieben habe ich an beiden Abenden Art. 1 bis 5. Das war in dem zeitlichen Rahmen von drei Stunden, den ich mir gegeben hatte, gerade passend. Zugleich sind die ersten fünf Artikel auch diejenigen, die die fundamentalen Menschenrechte formulieren: Menschenwürde, Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und Recht auf Leben, Gleichheit und Gleichberechtigung, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit. Ein ganz schönes Paket für eine abendliche Performance!


Das Feedback einiger Besucher spricht dafür, dass das Konzept mehr oder weniger aufgegangen ist. Die Rede war u.a. von einer Aura, die entstanden ist, von teilweise starken inneren Reaktionen auf den Text und auf die Art, wie er im Raum auftauchte und wieder verschwand.




Für mich hat sich gezeigt, dass mir der Text der Grundrechte sehr nahe ist und zugleich die innere Anmutung bei der Rezitation immer wieder anders wird. Bemerkenswert war z.B. an beiden Tagen, wie ich mit Art. 4 und der dort thematisierten Glaubens- und Gewissensfreiheit zu "kämpfen" hatte. Diese Freiheit kann sich auch als belastende Verpflichtung erweisen!


Einige Bemerkungen der Zuschauer haben hervorgehoben, welche fast poetische Qualität der Text der Grundrechte besitzt. Statt der erwarteten trockenen Juristensprache als schwer wiegende Deklamation, die einen auf verschiedenen Ebenen berühren kann, daher.

Dienstag, 21. November 2017

Ankündigung Performance


GRUNDGESETZ
Performance
am 15. und 16. Dezember 2017
im stimmfeld-Studio in Köln Nippes
Beginn Freitag und Samstag 18.00 Uhr.


Die Grundgesetzwanderung, bei der ich mit den ersten 20 Artikeln (Grundrechte +1) des Grund­gesetzes im geistigen Gepäck quer durch Deutsch­land von Aachen bis Görlitz gehe, macht Winterpause.
Die Zeit will ich nutzen, um ein paar andere Aktionen mit dem GG durch­zuführen, immer mit der Frage im Hintergrund, um welchen Text (mit welcher Kraft oder Wirkung) es sich da eigentlich handelt.

Am Fr./Sa. 15./16. Dezember werde ich in diesem Rahmen eine Langzeit­performance von täglich ca. drei Stunden machen, in der ich die Grund­rechtsartikel in verschiedener Weise stimmlich und schriftlich in den Raum bringe und herausfinden will, ob und wie der Raum, ich selbst und die Gestimmtheit der Zuschauenden- und -hörenden sich dadurch ändern.

Der Eintritt ist frei; Spenden, mit denen ich die nächsten Etappen der GG-Wanderung finanzieren werde, sind willkommen.
Der Einlass ist durchgehend geöffnet; jede(r) - außer mir - kann jederzeit kommen, bleiben und gehen.

Unterstützt von stimmfeld e.V.
Weitere Infos und eine Wegbeschreibung gerne auf Anfrage!

Samstag, 4. November 2017

Fundstück: GG und Kapitalismus


Bei der Lektüre eines Buches des unfassbar jungen Philosophen Markus Gabriel (Ich ist nicht Gehirn, Berlin 2015) ist mir eine wichtige inhaltliche Brücke zwischen den beiden Feldern aufgegangen, mit denen ich mich seit einiger Zeit intensiv beschäftige: dem Kapitalismus als Lebensform und dem Grundgesetz.


In der Auseinandersetzung mit Artikel 1 des GG („Die Würde des Menschen ist unantastbar. (...)“) bemerkt Gabriel, das der Satz auch ganz buchstäblich verstanden werden kann. Man kann die Menschenwürde nicht antasten, weil sie kein Ding ist. Die Würde erwächst aus bestimmten Bedingungen, die zum Menschsein dazugehören. Die heute in der Philosophie weitgehend dominierende Haltung des Materialismus behauptet aber, dass man alle weltlichen Phänomene auf Dinge oder Dinghaftes zurückführen kann. Dagegen argumentiert Gabriel vehement und wie ich finde mit gutem Recht.

Dabei zitiert er Kant, der die Unterscheidung zwischen Preis und Wert bzw. Würde eingeführt hat. Kurz gesagt hat für Kant alles, was Würde besitzen kann, keinen „Marktpreis“, weil es nicht als Mittel für einen anderen Zweck verwendet werden kann. Die Würde ist Zweck an sich. (Kant, Metaphysik der Sitten)

Was im Materialismus Ding genannt wird, ist im Kapitalismus die Ware. Wie wir bei Scheler schon gesehen haben (vgl. meinen Vortrag!), ist ein Grundmerkmal des kapitalistischen Geistes der Warencharakter aller Dinge. Heute ist die Verwandlung aller Lebensaspekte zur Ware sehr weit fortgeschritten. Fast alles kann zur Ware degradiert und im kapitalistischen Karussell zu Geld gemacht werden. Um aber zur Ware zu werden, muss etwas zuerst ein Ding sein. Die Wissenschaften bzw. der philosophische Materialismus tragen zur Entwertung der Welt bei und flankieren so die Entzauberung dieser Welt und die Verdinglichung aller Phänomene, die in ihr auffindbar sind.
Die Menschenwürde aber ist keine Ware. Implizit erkennt Kant bereits, dass sich bestimmte Werte und die Menschenwürde gegen eine Vereinnahmung durch die kapitalistische Logik wehren. Die Würde des Menschen hochzuhalten als unantastbares und unverkäufliches Recht bedeutet demnach auch, sich vom kapitalistischen Geist zu distanzieren. Oder umgekehrt: Die Distanzierung vom Geist des Kapitalismus als alle Lebensform beherrschen wollender Ethos macht uns zu Verteidigern des Artikel 1 des Grundgesetzes.


Montag, 2. Oktober 2017

Der zwölfte Tag: 1. Oktober 2017

Im Moment erlauben es die Entfernungen zwischen Köln und den Etappen meiner GG-Wanderung, Tagesausflüge zu machen, von denen ich am Abend wieder nach Hause fahre. Durch die verschiedenen äußeren und inneren Hemnisse der letzten Wochen habe ich diese Möglichkeit  am Sonntag, 1. Oktober, nach einer ersten Tageswanderung im September, zum zweiten Mal genutzt.

Woran es am Ende lag, dass meine Wanderpläne für den Herbst relativ kläglich gescheitert sind, bzw. ob es dafür neben den "objektiven" Gründen wie Wetter und Malässen, auch innere Gründe gab, werde ich noch kontemplierend und/oder wandernd erkunden müssen.

Am Morgen ging es mit der Bahn nach Eitorf an die Sieg. Am Bahnhof in Köln liefen schon einige Marathonläufer und -besucher durch die Gegend. Sport taucht übrigens unter den Grundrechten des GG nicht auf.

In Eitorf bin ich direkt zum zentralen Platz gegangen und habe nach einem geeigneten Ort für die Rezitation gesucht. Das ist mir bislang noch nirgends so schwer gefallen wie dort. Gefunden habe ich am Markplatz einen Gedenkstein für die offenbar bei einem Bombenangriff ums Leben gekommenen Eitorfer Bürger. Dabei ist anscheinend auch ein Kirche zerstört worden. Das wäre jedenfalls eine Erklärung für die bemerkenswerte Jahresangabe 1170 - 1945.

Dort fand also um ca. 11.30 Uhr die erste Rezitation des Tages statt. Im Prinzip mit Blick auf einen großen Parkplatz. An diesem sehr öffentlichen Ort war das Gefühl, nicht gehört zu werden, besonders stark ausgeprägt. Öffentlichkeit und Ignoranz als Polarität, in die ich mich dort begeben habe.

Es gab nur einen Menschen, der von mir Notiz nahm und sich mir zugewandt hat. Der allerdings war offensichtlich geistig etwas verwirrt und hatte eigentlich vor, mir etwas zu erzählen. Ich habe ihn aber dazu gebracht, mir ein paar Minuten zuzuhören. Wer weiß, was bei ihm angekommen ist? Dann wendete er sich an zwei Leute, die vorbei kamen und denen er seine Geschichte aufbinden konnte.
Danach ging es mit einem Kaffee to go aus dem Café Goethe bei schönem Wetter und frischen Temperaturen los auf die Wanderung. Dabei gab es wenig Kontakt zu anderen Menschen, ein kurzer Wortwechsel in Herchen mit zwei osteuropäischen Männern, die dort am Bahnhof saßen.

Von Herchen ging es über die Höhe nach Dreisel und von dort nach einer kurzen Orientierungsschwäche wieder über die Höhe nach Mauel und nach Rosbach. Schon ab Eitorf habe ich für diese Wanderung den Wanderweg der Deutschen Einheit verlassen, der merkwürdigerweise nördlich der Sieg entlang führt, also den ganzen Natursteig Sieg ignoriert. Ich nehme an, Anfang der 90er Jahre, als der WDE ins Leben gerufen wurde, existierte Der Sieg-Steig noch nicht.

In Rosbach musste ich ein wenig nach der Gedenkstätte für Landjuden suchen.
"Landjudentum" ist übrigens ein Begriff, der erst Ende des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Seit dem späten Mittelalter wohnten die meisten Juden in Deutschland nicht mehr in den Städten, aus denen sie in einer Vielzahl von Pogromen vertrieben worden waren, sondern auf dem Land. Um 1800 lebten 90% der Juden in Kleinstädten und Dörfern, aber beispielsweise nur ca. 300 Juden in Köln. Der Begriff der Landjuden wurde von Historikern geprägt, um dieses in der geschichtlichen Aufarbeitung stark vernachlässigte Kapitel ins Bewusstsein zu rücken.
Die Gedenkstätte in Rosbach ist ein kleines Haus, in dem die jüdische Familie Seligmann lange wohnte. Im Moment ist das Haus eine Baustelle und geschlossen. Im kleinen Vorgarten befinden sich ein Gedenkstein und eine Infotafel.




Auf der Straße sieben so genannte Stolpersteine für die Familienmitglieder, die dort wohnten, bevor sie von den Nazis ermordet wurden.









Dort fand um 17.45 Uhr die zweite Rezitation des Tages statt. Ein paar Leute kamen währendessen vorbei, einige grüßten freundlich,  niemand blieb stehen.





Fundstücke:

ein Kommentar zu Artikel 3 GG ABS 2: Gleichberechtigung von Männern und Frauen?

Tiere mit Migrationshintergrund auf einer Wiese bei Eitorf:

Samstag, 30. September 2017

Tagesausflug am 1. Oktober

Um den inneren Faden nicht ganz zu verlieren, werde ich morgen, Sonntag, 1. Oktober einen Tagesausflug mit dem Grundgesetz machen.
Um kurz vor 11h will ich in Eitorf an der Sieg ankommen, dort auf oder in der Nähe des Marktplatzes eine Rezitation machen und danach mich wandernd nach Rosbach bewegen. Ob ich dort die Rezitation an der Gedenkstätte für die Landjuden (Was für ein seltsames Wort. Gibt es auch Landchristen oder Landmuslime?) durchführe, hängt davon ab, wann ich in Rosbach ankommen werde.

Mitwanderer sind herzlich eingeladen. Das Wetter soll morgen sonnig und trocken sein - auch wann man sich das heute kaum vorstellen kann.

Kurzfristige Absprachen wie immer unter 0151 22431293.

Samstag, 16. September 2017

weiter geht es ....hoffentlich bald

Mein Plan hat wieder nicht den Realitätstest bestanden. Dienstag werde ich nicht losgehen können. Ich hoffe auf Donnerstag, aber innere und äußere Gründe lassen auch diese Absicht noch unsicher sein. Sobald ich mehr weiß, gebe ich Bescheid!


Start ist vormittags in Eitorf (die genaue Zeit gebe ich noch an.), mit einer Rezitation auf dem Marktplatz. Von dort geht es weiter nach Dattenfeld. Dann mache ich einen Ausflug jenseits des Wanderweges der Deutschen Einheit nach Rosbach (zum Museum für die Landjuden) und von dort Richtung Norden zurück zum WDE nach Waldbröl und weiter nach Olpe.
Mein Ziel ist es, in diesem Jahr wenigstens bis zum Kahlen Asten zu kommen.

Wer mitwandern oder zu einer Rezitation kommen will, kann meinen aktuellen Standort über die mobil-Nr. 0151-22431293 erfahren.

Sonntag, 10. September 2017

Der elfte Tag: 10. September 2017



Mit Bahn und Bus bin ich am Morgen nach Uckerath gefahren, wo ich auf eine kleine Gruppe von UnterstützerInnen getroffen bin - inklusive zweier Hunde,




die direkt die Frage nach den Tierrechten aufwarfen, die in den Grundrechten Art 1 bis 19 nicht auftauchen. In Artikel 20a, der nicht mehr zu den Grundrechten gehört, gibt es seit noch gar nicht so langer Zeit ein "Staatsziel" Umwelt- und Tierrschutz:

"Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung."

Der Artikel ist 1994 ins Grundgesetz aufgenommen worden, die drei Wörtchen "und die Tiere" allerdings erst 2002.
Ein Staatsziel hat für die staatlichen Organe zwar eine orientierende und insofern bindende Wirkung, aber es kann, anders als ein Grundrecht, nicht eingeklagt werden.

Jedenfalls habe ich um 12.00 Uhr eine zweifache Rezitation der Artikel 1-20 (ohne 20a) vor der Tür durchgeführt, die von der evangelischen Gemeinde auf der Kirchenwiese aufgestellt worden ist. Zum Anlass des 500. Jahrestags der Reformation soll die Tür einen Ort darstellen, an dem man seine eigenen Thesen "anschlagen"  - und sie  in einen daneben stehenden Briefkasten werfen kann.
Die Grundrechte als eine Art säkularer Thesenanschlag? Stoff zur Diskussion.





















In Uckerath gibt es im übrigen eine Legende, die man als warnenden Kommentar zu Art. 4 Abs.  2 "Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet:" lesen kann, nämlich die Geschichte vom Uckerather Kanzelmord:
"In Uckerath gibt es eine evangelische Kirche, die 1954 eingeweiht wurde. Es hat lange gedauert, bis die Reformation in Uckerath ankam. Das hat auch mit einem gewissen kämpferischen Katholizismus zu tun, der im 17. Jahrhundert mit dem Uckerather Kanzelmord seinen Höhepunkt nahm. Da sich der katholische Mönch zum Gottesdienst verspätete, bestieg ein protestantischer Wanderprediger aus Altenkirchen die Kanzel. Als der Mönch eintraf, zerrte er den Gegenredner mit Helfern von der Kanzel und erschlug ihn vor der Kirche mit einem Beil. Danach traten kaum noch Protestanten in Uckerath auf."

Jetzt sind sie wieder da und üben ihre Religion weitgehen ungestört aus, hoffe ich....

Nach der Rezitation ging es mit einem Teil der Gruppe wandernd hinunter zur Sieg nach Eitorf. Unter anderem haben wir über die Unterschiede zwischen der Verfassung der Weimarer Republik und dem GG gesprochen. In der Weimarer Verfassung standen die Grundrechte nicht an erster Stelle, sondern kamen erst im zweiten Hauptteil zur Sprache. Die Weimarer Verfassung beginnt mit den Worten "Das deutsche Volk" (Präambel) bzw. "Das deutsche Reich...", also ähnlich wie die amerikanische Verfassung mit dem berühmten "We, the people". So was ging in Deutschland nach den Schrecken der Naziherrschaft nicht mehr. Das Grundgesetz macht im ersten Artikel den Raum auf für alle Menschen, deren Würde unantastbar ist. Zu dieser universal geltenden Würde bekennt sich in Absatz 2 "das deutsche Volk". Das ist ein starkes Statement.

Ein anderes Gespräch handelte von dem Zusatz in Art.5 "Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung." Wir haben uns gefragt, ob der Satz von Beginn an im GG stand oder später hinzugefügt wurde. Das hört sich doch sehr nach Radikalenerlass und der  Zeit in den siebziger Jahren an, als nicht wenige Lehrer etwa wegen einer Mitgliedschaft in der DKP ihren Beruf nicht mehr ausüben durften.
Die Vermutung war aber falsch. Der Zusatz in Art. 5 steht schon in der Version des GG von 1949.

Auf der Wanderung ein kurzer Moment des Erschreckens, als wir ein Schild sahen, dass uns von weiteren 18,7 km Strecke bis Eitorf erzählte. Durch Kartenkonsultation konnte zum Glück schnell aufgeklärt werden, dass wir einen anderen Weg gehen würden, der uns rechtzeitig zum nachmittäglichen Kaffee und Kuchen auf dem Marktplatz in Eitorf landen ließ.

Meine Suche nach einem geeigneten Ort für eine Rezitation in Eitorf war danach erfolglos. Falls jemand einen Vorschlag hat, wäre ich dafür sehr dankbar.

Mit der S-Bahn bin ich wieder zurück nach Köln, weil der Wetterbericht sehr glaubhaft starken Regen für morgen angesagt hat.
Nun warte ich auf Sonnenschein und gebe hier Bescheid, sobald es wieder losgeht.

Fundstücke:

Stroh zu schwarz-rot gold gemacht....:









angewandter Tierschutz:















Donnerstag, 7. September 2017

Fundstücke der Zwischenzeit

In einer Broschüre der Organisation proasyl gibt es zwei Anmerkungen zum Grundgesetz, die es mir wert erscheinen, notiert zu werden.
Auf einer Seite, die mit dem schönen Satz überschrieben ist:

"Flüchtlinge verteidigen unsere demokratische und offene Gesellschaft"

schreibt Karim Al Wasiti aus dem Irak: "Nur wenn die Rechte der Menschen verwirklicht werden, sind sie real. Ich möchte nicht, dass in Deutschland schutzsuchenden Menschen gegenüber eine Praxis existiert, die nicht mit unserem Grundgesetz übereinstimmt. Das Grundgesetz ist in meinen Augen fast eine Art Heiligtum, das unbedingt unversehrt bleiben muss."

Den ersten Satz würde ich so nicht ohne weiteres bestätigen. Es besteht zwar immer die Aufgabe, den Grundrechten des Grundgesetzes Geltung zu verschaffen, real sind die Rechte aber schon dadurch, dass sie im Grundgesetz stehen. Das Recht existiert unabhängig davon, ob es von irgendeiner Seite verletzt wird.
Im Hinblick auf die neunte und zehnte Etappe meiner Wanderung finde ich die Idee, das Grundgesetz als eine Art Heiligtum zu verstehen, sehr interessant. Meine vorläufige Vermutung ging dahin, dass man den Text der Grundrechte wie einen heiligen Text lesen kann, also als unverrückbare Grundlage, die aber einer dauernden Aktualisierung bedarf.

An einer anderen Stelle schreibt Karim Al Wasiti, der übrigens 1998 aus dem Irak geflüchtet und mittlerweile deutscher Staatsbürger ist und der Flüchtlinge berät, folgendes:

"Meiner Meinung nach müssen wir das Recht auf Familie gegen alle migrationspolitischen Einschränkungen unbedingt auch öffentlich verteidigen. Wir verteidigen damit generell die Gültigkeit der Grundrechte, unsere eigenen Standards. Es ist wichtig, dass die Menschen das Vertrauen in die Grundrechte und das Grundgesetz nicht verlieren."

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Al Wasiti bezieht sich auf Artikel 6 GG, wo es heißt: Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz des Staates. Dieser besondere Schutz gilt aber nicht nur für deutsche Ehen, sondern eben auch für die Familien von Flüchtlingen, die in Deutschland gestrandet sind. Insofern stellt die Verweigerung der Familienzusammenführung, wie sie im Moment weitgehend praktiziert wird, eine Verletzung dieses Grundrechtes dar.

Ein anderes Fundstück: Der deutsch-türkische Autor Dogan Akhanli, der im Moment in Spanien festsitzt, weil die Türkei seine Auslieferung beantragt hat, hat in einem Interview kurz davon erzählt, wie es war, in Spanien festgenommen zu werden. Akhanli saß bereits mehrfach in türkischen Gefangnissen und wurde dort gefoltert, einmal sogar vor den Augen seiner Frau und seines Kindes. Die Erinnerung an diese Geschehnisse wurde für ihn so stark, dass er in der spanischen Zelle nichts essen und trinken konnte, weil es ihm so übel war. Er wußte zwar, wie er sagt, dass ihm in einem europäischen Gefängnis keine Folter droht, aber die Erinnerung konnte die alte Angst nicht vertreiben.
Art.2 GG: Jeder hat das Recht auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.
Der Wert dieses Grundrechtes wird erst deutlich, wenn es gefährdet ist.

Sonntag, 3. September 2017

Weiter geht es am 10. September

Der nächste Abschnitt der Grundgesetzwanderung beginnt am Sonntag, 10. September in Uckerath südlich von Hennef. Dort werde ich um 12.00 Uhr vor der evangelischen Stephanuskirche auf der Wiese eine Rezitation machen und danach weiter in Richtung Eitorf wandern.

Der Wetterbericht für die Tage danach lässt Böses ahnen und ich werde wahrscheinlich von Eitorf aus wieder nach Köln fahren und dort auf das Ende des Regens warten.
Spätestens am Montag, 18. September geht es weiter.

In Eitorf verlasse ich aller Wahrscheinlichkeit für kurze Zeit den Wanderweg der deutschen Einheit und laufe entlang des Natursteigs Sieg bis nach Dattenfeld.
Dann halte ich mich Richtung Norden und stoße wieder auf den WDE bis Waldbröl.

Ich bin gespannt, was mich in der Woche vor der Bundestagswahl erwartet.

Details zur zweiten Septemberetappe  folgen bald.

Donnerstag, 10. August 2017

Das Wetter: Abbruch und Rückreise, 10. August 2017

Am Morgen stellte sich deutlich heraus, dass die Wettervorhersage recht behalten sollte. Es regnete in Strömen und ohne Aussicht auf durchgreifende Änderung. Also habe ich die GG-Wanderung in Uckerath unterbrochen und bin nach Hause gefahren.
Auf der Rückfahrt mit Bus und Bahn hatte ich Kontakt zu einer Dame aud Uckerath, die auf dem Weg nach Köln "zum Einkaufen" war. Sie zeigte ein etwas ratloses und entsprechend vages Interesse an meiner Aktion. Sie fragte mich, was ich beruflich mache und inwiefern die GG-Wanderung damit etwas zu tun habe.
Die Karte mit den Infos, die ich ihr reichte, gab sie mir sehr höflich wieder zurück. Auf meine Frage, ob ihr ein geeigneter Platz für eine Rezitation in Uckerath oder Umgebung einfiel, hatte sie keine Antwort: "Mein Schwiegersohn wüsste bestimmt etwas!" Wir haben uns in Köln sehr freundlich voneinander verabschiedet und es tut mir leid, dass ich kein tiefer gehendes Gespräch mit ihr führen konnte.

Der Abbruch der Wanderung heute hat eine gewisse Schlüssigkeit, denn damit ist die Etappe am Rhein und rund um die konkreten historischen Erinnerungsorte zu Ende. Hinter dem Siebengebirge beginnt eine andere Geschichte.
Im Rückblick auf Bonn und Rhöndorf tauchen in mir zwei "Gefahren" auf, die das GG zu überdecken oder zu überwuchern drohen: Pathos und Ignoranz.
Das Pathos ist verbunden mit der Tendenz, die Vergangenheit zu idealisieren. Wie im Falle von Adenauer, zu dessen Amtszeit als Kanzler - bei all seinen großen Verdiensten wie, ganz vorne, die Versöhnung mit Frankreich! -  einige wichtige Grundrechte wenig Beachtung fanden. So etwa Artikel 2 und Art. 3. (Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und Gleichheit von Frau und Mann). Die 50er Jahre konnten atmosphärisch nich an die Aufbruchszeit der 20er Jahre anknüpfen. Sie waren von der geistigen Enge her viel näher an den späten 30er Jahren des Naziregimes.
Ignoranz verkleidet sich gerne als gutbürgerlicher Wohlstand, der die Grundrechte des GG als Garant für die eigene Sicherheit und den eigenen Anspruch versteht, dass alles am besten so bleiben soll, wie es ist, oder noch besser: so wie ich es mir wünschen würde! Hier hat sich die bundesrepublikanische Bourgeoisie, deren Hauptstadt noch immer Bonn heißt, in den letzen 70 Jahren kaum geändert.

Weiter geht es mit der GG-Wanderung im September. Den genauen Termin gebe ich noch bekannt!

Mittwoch, 9. August 2017

Der zehnte Tag: 9. August 2017

Als ich heute um zehn Uhr am Adenauerhaus in Rhöndorf ankam, erwarteten mich zwei Kölner Freunde als moralische Unterstützung. Vor dem Wohnhaus, in dem Adenauer die letzten 30 Jahre seines Lebens wohnte, steht jetzt ein ziemlich großes Gebäude. Dort befindet sich ein Museum zu Leben und politischem Werk,  das zum diesjährigen fünfzigsten Todestag des Altkanzlers erneuert und erweitert wurde.
In einem der Ausstellungsräume habe ich um 10.30 Uhr meine Rezitation gemacht, zwischendurch mit "Störungen" von Adenauers Stimme, die aus einem Lautsprecher immer dann ertänte, wenn man an einem Bildschirm vorbeiging, auf dem Adenauer bei Bundestagsreden zu sehen war.



In der Ausstellung fand sich die für uns völlig irrelevante Information, dass Adenauer während des ersten Weltkriegs die Sojawurst erfunden hat!
Wichtiger der Hinweis, dass er schon 1919 dafür plädierte, einen westdeutschen Staat unabhängig von Preußen zu schaffen. Das ist ihm 30 Jahre später unter ganz anderen politischen Umständen gelungen!
Danach ging es zum Café Profittlich und zu Kaffee und der zu Recht berühmten Sananischnitte.

Gespräch über die Diskrepanz zwischen den Grundrechten und der Realität, was uns einmal mehr zur Frage führte, um welche Art von Text es sich beim GG handelt. Meine momentane Lieblingsantwort lautet: um einen quasireligiösen Text, der als Grundlage für immer neue Interpretationen fungiert. Das GG entwirft ein Ethos, das von uns Bürgern immer wieder neu angeeignet werden muss.




Danach ging ich alleine ins Siebengebirge und auf den Ölberg.
Während der Wanderung ist mir eingefallen, dass mein Urgroßvater fast genau dieselben Lebensdaten hatte wie Adenauer: geb. 1876 und gestorben ein Jahr nach dem Kanzler 1968. Doch was für ein Unterschied im Leben. Mein Urgroßvater hatte wahrscheinich wenig Sympathien für die Demokratie und wäre mit Kaiser Wilhelm auch nach dem 1. Weltkrieg sehr zufrieden gewesen. Er war Tischler und Schreiner und hat nach einem Unfall, bei dem er von einem Wagen fiel, die letzten 30 Jahre seines Lebens mit (wahrscheinlich) einer Querschnittslähmung auf einem von ihm selbst gezimmerten Stuhl verbracht. Rollstühle gab es damals noch nicht auf Kassenrezept.
Ich kann mir aber vorstellen, dass er Adenauer gewählt hätte, wenn er zur Wahl hätte gehen können. (Keine Ahnung, ob es damals bereits die Möglichkeit der Briefwahl gab!)

Mit einigen Extrakurven bin ich abends in Uckerath gelandet.

Den Wanderweg der Deutschen Einheit habe ich erst kurz vor dem Ziel erreicht, nachdem ich in den vergangenen Tagen dauernd in mehr oder weniger großen Bögen um ihn herum geschlängelt bin.
















Fundstücke:
eingelassen in eine Mauer irgendwo am Wegesrand hinter Rhöndorf

Eine etwas merkwürdige Anrufung der hl. Maria, gefunden unterhalb des Friedhofes in Rhöndorf, wo im übrigen Adenauer begraben liegt.
 Ein ebenfalls etwas merkwürdiges Denkmal für die deutsche Einheit:





...die "Einheitsbäume", noch etwas unscheinbar.....

Dienstag, 8. August 2017

Der neunte Tag: 8. August 2017

Gestern Abend hat sich in mir die Idee geformt, heute einen Abstecher nach Bonn zum Museum König zu machen. Dort hat nämlich der parlamentarische Rat getagt und das GG entworfen. Kurz nach 9h ging es los über den Venusberg hinunter Richtung Rhein.
Um 10.30h fand vor dem Eingang des Museums die erste, und wider Erwarten einzige Rezitation des Tages statt.




Dabei wurde wie schon gestern der Performance-Charakter der Aktion deutlich. Durch die Rezitation wird eine Situation kreiert, in der alle anderen Ereignisse, die gleichzeitig passieren, eine neue Bedeutung bekommen. Der Lärm des Verkehrs, der Teile des gesprochenen Textes verschluckt. Oder gestern die Gruppe tollender kleiner Kinder, die an mir vorbei liefen.
Im Museum König hat mir die Frau an der Tickettheke ein Faksimile der Liste der Mitglieder des parlamentarischen Rates gegeben, und eine Kopie der Unterschriften der Vorsitzenden unter dem GG. Außerdem die Fassung des GG, wie sie im Bundesgesetzblatt als Nr. 1 veröffentlicht wurde. (Diese Veröffentlichung ist für jedes Gesetz notwendig, um es in Kraft treten zu lassen.) Interessant zu sehen, was in der ersten Fassung der Grundrechte noch nicht stand!
Die Unterlagen waren offenbar bei einer anderen Veranstaltung übrig geblieben.



 Unter den Vätern des GG waren auch vier Mütter, die im Titel der Liste unterschlagen wurden.
Die aus NRW stammende und der SPD zugehörige Frederike Nadig schrieb zu ihrer Arbeit im  Rat: "Im Parlamentarischen Rat ist die deutsche Frau zahlenmäßig viel zu gering vertreten. Das Grundgesetz muss aber den Willen der Staatsbürger, die überwiegend Frauen sind, widerspiegeln."
Ich muss zugeben, dass ich den Namen der Frauenrechtlerin Nadig noch nie zuvor gehört hatte. Neben anderem hat sie sich vehement für Aufnahme der Gleichberechtigung von Frauen und Männern ins Grundgesetz eingesetzt. Außerdem forderte sie schon damals "gleichen Lohn für gleiche Arbeit"!
mehr zu ihr findet man z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Friederike_Nadig



Danach ging es in Richtung Bad Godesberg. Auf dem Weg ein kurzer Halt und ein Kaffee im Haus der Geschichte. Im dortigen Informationszentrum habe ich die Information über meine GG-Wanderung hinterlegt.
Weiter über den Rhein nach Königswinter. Mittlerweile hatte es stark zu regnen begonnen und ich musste meine Pläne ändern: Statt zum Adenauerhaus bin ich zur Jugendherberge in Bad Honnef. Da habe ich dann auf besseres Wetter am nächsten Tag gehofft und meine Zeit u.a. damit verbracht, die Zeitung "Das Parlament" zu lesen. Schwerpunktthema dieser Ausgabe (7.8.2017) waren Ehe und Familie, also der Artikel 6 GG und die aktuellen Veränderungen in der Familienpolitik.
Derquasireligiöse Charakter des GG bzw. der Grundrechte zeigt sich an Art. 6 gerade besonders deutlich. Am Wesensgehalt dieses Artikels darf man nicht rütteln aber zugleich kann sich die Bedeutung dessen, was da steht, sehr wandeln. Mit der Einführung der Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare wird die Idee der Ehe sehr viel weiter gefasst als die Verfasser des GG im Sinn haben konnten. (Damals stand Homosexualität noch unter Strafe!) Aber der besondere Schutz der Ehe bleibt dadurch unangetastet.
Übrigens gab es im "Parlament"  einen Autor, der das Ehegattensplitting mit dem Art. 6 und dem besonderen Schutz der Ehe begründet, weil im GG eben nicht nur die Familie (mit Kindern) geschützt ist, sondern auch die Ehe, ganz unabhängig davon, ob aus ihr Kinder hervorgehen oder nicht.

Fundstücke:
Brandt auf der Adenauerallee:
Eindrücke aus dem Haus der Geschichte:
Der Eingang zu einer Ausstellung über
des Deutschen liebstes Kind
(nein, nicht das Grundgesetz...):




Salonwagen nach Entnazifizierungsverfahren

Montag, 7. August 2017

Der achte Tag: 7. August 2017

Bevor ich zu meiner Wanderung aufgebrochen bin, habe ich mein wöchentliches I-Ging geworfen, das mir für die Tage das Hexagramm mit dem Titel "Das Entgegenkommen" präsentiert hat. Schon an sich sehr passend. Außerdem hat es mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich zwar mit der Welt in Kontakt gehen soll, aber ohne mich von ihr vereinnahmen zu lassen.

Heute ging es wie geplant pünktlich um 12h los mit dem zweiten Teil der GG-WANDERUNG und mit einer zweifachen Rezitation der Grundrechte vor dem Hexenturm in Rheinbach. Vor der Rezitation hat sich ein älterer Mann interessiert über meine Infofolie, die ich immer auslege, gebeugt. Als ich ihm eine Karte in die Hand geben wollte, um mit ihm ins Gespräch zu kommen, hat er sich schweigend verzogen.

Aus den Zuhörern der Rezitation gab es einige Reaktionen: Eine Frau meinte, sie habe ein Gefühl der Erhabenheit in sich gespürt, besonders in der Wiederholung. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch mir geht es manchmal so, dass der Text in der Konfrontation mit einer alltäglichen Szene eine Art Würde gewinnt.Ein anderer Zuhörer meinte, er habe beim Zuhören erst die starken Parallelen zur amerikanischen Bill of Rights erkannt. Daraus entsponn sich ein Gespräch über die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen beiden Texten. Mir sind in erster Linie zwei Unterschiede aufgegangen. Zum einen beginnt die amerikanische Verfassung mit "we, the people"; das ist eine Formulierung, die unmöglich hätte am Anfang einer deutschen Verfassung nach dem Ende des 2. Weltkrieges stehen können! Und im Grundgesetz ist nicht die Rede vom "pursuit of happiness" dem Streben nach Glück, das in der amerikanischen Version so wichtig ist. Das Fehlen dieses Themas hat etwas sehr deutsches, ja. Bei beiden Unterschieden bin ich aber auf der Seite der deutschen Verfassung. Nicht das Volk, sondern die Würde des Menschen eröffnet die Liste der Grundrechte passend. Und Glück? Was ist das? Was hat das in der Verfassung zu suchen? Große Fragen, die Stoff für viele Gespräche bieten. 
Außerdem gab es als Reaktion auf die Rezitation, wie schon ab und zu vorher, den Hinweis, dass das GG zwar gute und wichtige Rechte formuliert, die Realität in Deutschland aber anders aussieht. Da komme ich später nochmal drauf zurück.

Danach sind wir mit einer kleinen Wandergruppe von vier Leuten in Richtung Bonn gestartet. Nicht ganz auf der von mir vorgesehenen Strecke, sondern etwas nördlicher. Hat auch etwas länger gedauert. Mit uns gegangen ist eine Frau aus dem Ruhrgebiet, deren  Familiengeschichte illustriert, wie lang der Weg der Grundrechte des GG in die Köpfe und Herzen der Menschen ist. Ihr Vater hat als Soldat am Ende des 2. Weltkrieges das einzige Vernünftige getan und ist desertiert. Art.4 Abs.3: "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden." Das war zur Nazizeit natürlich anders, aber auch in der jungen Bundesrepublik galt Desertion als eine Art Verrat. Und damit war es mit der Karriere in Deutschland nichts. Die Rehabilitierung der deutschen Deserteure ist noch immer nicht abgeschlossen. Die Ansprüche, die das GG an die Bürger*innen stellt, müssen z.T. schwer und langwierig erarbeitet werden. 


Als wir unterhalb von Alfter nach Bonn kamen, bot sich eine Frau von sich aus an, uns zu sagen, wie wir weiter und zum Bahnhof nach Duisdorf kommen. Sie ging ein paar Schritte mit uns, erzählte, dass sie beim Spazierengehen gut lernen könne, im Moment Italienisch. Als ich meine GG-Wanderung erwähnt hatte, fiel ihr zuerst ein, dass sie als junge Frau mal ein Gedicht über Juristen geschrieben habe, dann kam sie auf den napoleonischen Code civil. Am Ende gab sie mir sehr energisch die Hand und schien ganz beeindruckt von meinem Vorhaben. 

Fundstücke:

ein ordentlicher Apfelbaumhain...


und ein "deutsches" Fenstergitter:

In einem Leserbrief in der Wochenzeitung "Der Freitag"  vom 3. August glaubt ein Leser, sich auf den Artikel 20 und das dort festgeschriebene Widerstandsrecht berufen zu können. "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht auf Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist." (Art.20, Abs.4) Der Leserbriefschreiber betont, dass es sich bei dem Widerstand gegen die Aushöhlung unseres Rechtsstaates - für die man ja tatsächlich Indizien finden kann - um friedlichen Protest handeln muss! Der aber werde immer mehr kriminalisiert. 
Für uns ist in dem Zusammenhang die Frage interessant, wer denn überhaupt feststellen kann, dass die freiheitliche demokratische Grundordnung in Gefahr ist. Jeder einzelne Bürger? Das Bundesverfassungsgericht? Die besorgniserregenden Entwicklungen in anderen Ländern, etwa Polen, Ungarn, Türkei, zeigen, dass die Ordnung besonders dann gefährdet ist, wenn das Verfassungsgericht eines Landes seine Unabhängigkeit verliert und geschwächt wird.....