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Donnerstag, 10. August 2017

Das Wetter: Abbruch und Rückreise, 10. August 2017

Am Morgen stellte sich deutlich heraus, dass die Wettervorhersage recht behalten sollte. Es regnete in Strömen und ohne Aussicht auf durchgreifende Änderung. Also habe ich die GG-Wanderung in Uckerath unterbrochen und bin nach Hause gefahren.
Auf der Rückfahrt mit Bus und Bahn hatte ich Kontakt zu einer Dame aud Uckerath, die auf dem Weg nach Köln "zum Einkaufen" war. Sie zeigte ein etwas ratloses und entsprechend vages Interesse an meiner Aktion. Sie fragte mich, was ich beruflich mache und inwiefern die GG-Wanderung damit etwas zu tun habe.
Die Karte mit den Infos, die ich ihr reichte, gab sie mir sehr höflich wieder zurück. Auf meine Frage, ob ihr ein geeigneter Platz für eine Rezitation in Uckerath oder Umgebung einfiel, hatte sie keine Antwort: "Mein Schwiegersohn wüsste bestimmt etwas!" Wir haben uns in Köln sehr freundlich voneinander verabschiedet und es tut mir leid, dass ich kein tiefer gehendes Gespräch mit ihr führen konnte.

Der Abbruch der Wanderung heute hat eine gewisse Schlüssigkeit, denn damit ist die Etappe am Rhein und rund um die konkreten historischen Erinnerungsorte zu Ende. Hinter dem Siebengebirge beginnt eine andere Geschichte.
Im Rückblick auf Bonn und Rhöndorf tauchen in mir zwei "Gefahren" auf, die das GG zu überdecken oder zu überwuchern drohen: Pathos und Ignoranz.
Das Pathos ist verbunden mit der Tendenz, die Vergangenheit zu idealisieren. Wie im Falle von Adenauer, zu dessen Amtszeit als Kanzler - bei all seinen großen Verdiensten wie, ganz vorne, die Versöhnung mit Frankreich! -  einige wichtige Grundrechte wenig Beachtung fanden. So etwa Artikel 2 und Art. 3. (Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und Gleichheit von Frau und Mann). Die 50er Jahre konnten atmosphärisch nich an die Aufbruchszeit der 20er Jahre anknüpfen. Sie waren von der geistigen Enge her viel näher an den späten 30er Jahren des Naziregimes.
Ignoranz verkleidet sich gerne als gutbürgerlicher Wohlstand, der die Grundrechte des GG als Garant für die eigene Sicherheit und den eigenen Anspruch versteht, dass alles am besten so bleiben soll, wie es ist, oder noch besser: so wie ich es mir wünschen würde! Hier hat sich die bundesrepublikanische Bourgeoisie, deren Hauptstadt noch immer Bonn heißt, in den letzen 70 Jahren kaum geändert.

Weiter geht es mit der GG-Wanderung im September. Den genauen Termin gebe ich noch bekannt!

Mittwoch, 9. August 2017

Der zehnte Tag: 9. August 2017

Als ich heute um zehn Uhr am Adenauerhaus in Rhöndorf ankam, erwarteten mich zwei Kölner Freunde als moralische Unterstützung. Vor dem Wohnhaus, in dem Adenauer die letzten 30 Jahre seines Lebens wohnte, steht jetzt ein ziemlich großes Gebäude. Dort befindet sich ein Museum zu Leben und politischem Werk,  das zum diesjährigen fünfzigsten Todestag des Altkanzlers erneuert und erweitert wurde.
In einem der Ausstellungsräume habe ich um 10.30 Uhr meine Rezitation gemacht, zwischendurch mit "Störungen" von Adenauers Stimme, die aus einem Lautsprecher immer dann ertänte, wenn man an einem Bildschirm vorbeiging, auf dem Adenauer bei Bundestagsreden zu sehen war.



In der Ausstellung fand sich die für uns völlig irrelevante Information, dass Adenauer während des ersten Weltkriegs die Sojawurst erfunden hat!
Wichtiger der Hinweis, dass er schon 1919 dafür plädierte, einen westdeutschen Staat unabhängig von Preußen zu schaffen. Das ist ihm 30 Jahre später unter ganz anderen politischen Umständen gelungen!
Danach ging es zum Café Profittlich und zu Kaffee und der zu Recht berühmten Sananischnitte.

Gespräch über die Diskrepanz zwischen den Grundrechten und der Realität, was uns einmal mehr zur Frage führte, um welche Art von Text es sich beim GG handelt. Meine momentane Lieblingsantwort lautet: um einen quasireligiösen Text, der als Grundlage für immer neue Interpretationen fungiert. Das GG entwirft ein Ethos, das von uns Bürgern immer wieder neu angeeignet werden muss.




Danach ging ich alleine ins Siebengebirge und auf den Ölberg.
Während der Wanderung ist mir eingefallen, dass mein Urgroßvater fast genau dieselben Lebensdaten hatte wie Adenauer: geb. 1876 und gestorben ein Jahr nach dem Kanzler 1968. Doch was für ein Unterschied im Leben. Mein Urgroßvater hatte wahrscheinich wenig Sympathien für die Demokratie und wäre mit Kaiser Wilhelm auch nach dem 1. Weltkrieg sehr zufrieden gewesen. Er war Tischler und Schreiner und hat nach einem Unfall, bei dem er von einem Wagen fiel, die letzten 30 Jahre seines Lebens mit (wahrscheinlich) einer Querschnittslähmung auf einem von ihm selbst gezimmerten Stuhl verbracht. Rollstühle gab es damals noch nicht auf Kassenrezept.
Ich kann mir aber vorstellen, dass er Adenauer gewählt hätte, wenn er zur Wahl hätte gehen können. (Keine Ahnung, ob es damals bereits die Möglichkeit der Briefwahl gab!)

Mit einigen Extrakurven bin ich abends in Uckerath gelandet.

Den Wanderweg der Deutschen Einheit habe ich erst kurz vor dem Ziel erreicht, nachdem ich in den vergangenen Tagen dauernd in mehr oder weniger großen Bögen um ihn herum geschlängelt bin.
















Fundstücke:
eingelassen in eine Mauer irgendwo am Wegesrand hinter Rhöndorf

Eine etwas merkwürdige Anrufung der hl. Maria, gefunden unterhalb des Friedhofes in Rhöndorf, wo im übrigen Adenauer begraben liegt.
 Ein ebenfalls etwas merkwürdiges Denkmal für die deutsche Einheit:





...die "Einheitsbäume", noch etwas unscheinbar.....

Dienstag, 8. August 2017

Der neunte Tag: 8. August 2017

Gestern Abend hat sich in mir die Idee geformt, heute einen Abstecher nach Bonn zum Museum König zu machen. Dort hat nämlich der parlamentarische Rat getagt und das GG entworfen. Kurz nach 9h ging es los über den Venusberg hinunter Richtung Rhein.
Um 10.30h fand vor dem Eingang des Museums die erste, und wider Erwarten einzige Rezitation des Tages statt.




Dabei wurde wie schon gestern der Performance-Charakter der Aktion deutlich. Durch die Rezitation wird eine Situation kreiert, in der alle anderen Ereignisse, die gleichzeitig passieren, eine neue Bedeutung bekommen. Der Lärm des Verkehrs, der Teile des gesprochenen Textes verschluckt. Oder gestern die Gruppe tollender kleiner Kinder, die an mir vorbei liefen.
Im Museum König hat mir die Frau an der Tickettheke ein Faksimile der Liste der Mitglieder des parlamentarischen Rates gegeben, und eine Kopie der Unterschriften der Vorsitzenden unter dem GG. Außerdem die Fassung des GG, wie sie im Bundesgesetzblatt als Nr. 1 veröffentlicht wurde. (Diese Veröffentlichung ist für jedes Gesetz notwendig, um es in Kraft treten zu lassen.) Interessant zu sehen, was in der ersten Fassung der Grundrechte noch nicht stand!
Die Unterlagen waren offenbar bei einer anderen Veranstaltung übrig geblieben.



 Unter den Vätern des GG waren auch vier Mütter, die im Titel der Liste unterschlagen wurden.
Die aus NRW stammende und der SPD zugehörige Frederike Nadig schrieb zu ihrer Arbeit im  Rat: "Im Parlamentarischen Rat ist die deutsche Frau zahlenmäßig viel zu gering vertreten. Das Grundgesetz muss aber den Willen der Staatsbürger, die überwiegend Frauen sind, widerspiegeln."
Ich muss zugeben, dass ich den Namen der Frauenrechtlerin Nadig noch nie zuvor gehört hatte. Neben anderem hat sie sich vehement für Aufnahme der Gleichberechtigung von Frauen und Männern ins Grundgesetz eingesetzt. Außerdem forderte sie schon damals "gleichen Lohn für gleiche Arbeit"!
mehr zu ihr findet man z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Friederike_Nadig



Danach ging es in Richtung Bad Godesberg. Auf dem Weg ein kurzer Halt und ein Kaffee im Haus der Geschichte. Im dortigen Informationszentrum habe ich die Information über meine GG-Wanderung hinterlegt.
Weiter über den Rhein nach Königswinter. Mittlerweile hatte es stark zu regnen begonnen und ich musste meine Pläne ändern: Statt zum Adenauerhaus bin ich zur Jugendherberge in Bad Honnef. Da habe ich dann auf besseres Wetter am nächsten Tag gehofft und meine Zeit u.a. damit verbracht, die Zeitung "Das Parlament" zu lesen. Schwerpunktthema dieser Ausgabe (7.8.2017) waren Ehe und Familie, also der Artikel 6 GG und die aktuellen Veränderungen in der Familienpolitik.
Derquasireligiöse Charakter des GG bzw. der Grundrechte zeigt sich an Art. 6 gerade besonders deutlich. Am Wesensgehalt dieses Artikels darf man nicht rütteln aber zugleich kann sich die Bedeutung dessen, was da steht, sehr wandeln. Mit der Einführung der Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare wird die Idee der Ehe sehr viel weiter gefasst als die Verfasser des GG im Sinn haben konnten. (Damals stand Homosexualität noch unter Strafe!) Aber der besondere Schutz der Ehe bleibt dadurch unangetastet.
Übrigens gab es im "Parlament"  einen Autor, der das Ehegattensplitting mit dem Art. 6 und dem besonderen Schutz der Ehe begründet, weil im GG eben nicht nur die Familie (mit Kindern) geschützt ist, sondern auch die Ehe, ganz unabhängig davon, ob aus ihr Kinder hervorgehen oder nicht.

Fundstücke:
Brandt auf der Adenauerallee:
Eindrücke aus dem Haus der Geschichte:
Der Eingang zu einer Ausstellung über
des Deutschen liebstes Kind
(nein, nicht das Grundgesetz...):




Salonwagen nach Entnazifizierungsverfahren

Montag, 7. August 2017

Der achte Tag: 7. August 2017

Bevor ich zu meiner Wanderung aufgebrochen bin, habe ich mein wöchentliches I-Ging geworfen, das mir für die Tage das Hexagramm mit dem Titel "Das Entgegenkommen" präsentiert hat. Schon an sich sehr passend. Außerdem hat es mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich zwar mit der Welt in Kontakt gehen soll, aber ohne mich von ihr vereinnahmen zu lassen.

Heute ging es wie geplant pünktlich um 12h los mit dem zweiten Teil der GG-WANDERUNG und mit einer zweifachen Rezitation der Grundrechte vor dem Hexenturm in Rheinbach. Vor der Rezitation hat sich ein älterer Mann interessiert über meine Infofolie, die ich immer auslege, gebeugt. Als ich ihm eine Karte in die Hand geben wollte, um mit ihm ins Gespräch zu kommen, hat er sich schweigend verzogen.

Aus den Zuhörern der Rezitation gab es einige Reaktionen: Eine Frau meinte, sie habe ein Gefühl der Erhabenheit in sich gespürt, besonders in der Wiederholung. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch mir geht es manchmal so, dass der Text in der Konfrontation mit einer alltäglichen Szene eine Art Würde gewinnt.Ein anderer Zuhörer meinte, er habe beim Zuhören erst die starken Parallelen zur amerikanischen Bill of Rights erkannt. Daraus entsponn sich ein Gespräch über die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen beiden Texten. Mir sind in erster Linie zwei Unterschiede aufgegangen. Zum einen beginnt die amerikanische Verfassung mit "we, the people"; das ist eine Formulierung, die unmöglich hätte am Anfang einer deutschen Verfassung nach dem Ende des 2. Weltkrieges stehen können! Und im Grundgesetz ist nicht die Rede vom "pursuit of happiness" dem Streben nach Glück, das in der amerikanischen Version so wichtig ist. Das Fehlen dieses Themas hat etwas sehr deutsches, ja. Bei beiden Unterschieden bin ich aber auf der Seite der deutschen Verfassung. Nicht das Volk, sondern die Würde des Menschen eröffnet die Liste der Grundrechte passend. Und Glück? Was ist das? Was hat das in der Verfassung zu suchen? Große Fragen, die Stoff für viele Gespräche bieten. 
Außerdem gab es als Reaktion auf die Rezitation, wie schon ab und zu vorher, den Hinweis, dass das GG zwar gute und wichtige Rechte formuliert, die Realität in Deutschland aber anders aussieht. Da komme ich später nochmal drauf zurück.

Danach sind wir mit einer kleinen Wandergruppe von vier Leuten in Richtung Bonn gestartet. Nicht ganz auf der von mir vorgesehenen Strecke, sondern etwas nördlicher. Hat auch etwas länger gedauert. Mit uns gegangen ist eine Frau aus dem Ruhrgebiet, deren  Familiengeschichte illustriert, wie lang der Weg der Grundrechte des GG in die Köpfe und Herzen der Menschen ist. Ihr Vater hat als Soldat am Ende des 2. Weltkrieges das einzige Vernünftige getan und ist desertiert. Art.4 Abs.3: "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden." Das war zur Nazizeit natürlich anders, aber auch in der jungen Bundesrepublik galt Desertion als eine Art Verrat. Und damit war es mit der Karriere in Deutschland nichts. Die Rehabilitierung der deutschen Deserteure ist noch immer nicht abgeschlossen. Die Ansprüche, die das GG an die Bürger*innen stellt, müssen z.T. schwer und langwierig erarbeitet werden. 


Als wir unterhalb von Alfter nach Bonn kamen, bot sich eine Frau von sich aus an, uns zu sagen, wie wir weiter und zum Bahnhof nach Duisdorf kommen. Sie ging ein paar Schritte mit uns, erzählte, dass sie beim Spazierengehen gut lernen könne, im Moment Italienisch. Als ich meine GG-Wanderung erwähnt hatte, fiel ihr zuerst ein, dass sie als junge Frau mal ein Gedicht über Juristen geschrieben habe, dann kam sie auf den napoleonischen Code civil. Am Ende gab sie mir sehr energisch die Hand und schien ganz beeindruckt von meinem Vorhaben. 

Fundstücke:

ein ordentlicher Apfelbaumhain...


und ein "deutsches" Fenstergitter:

In einem Leserbrief in der Wochenzeitung "Der Freitag"  vom 3. August glaubt ein Leser, sich auf den Artikel 20 und das dort festgeschriebene Widerstandsrecht berufen zu können. "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht auf Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist." (Art.20, Abs.4) Der Leserbriefschreiber betont, dass es sich bei dem Widerstand gegen die Aushöhlung unseres Rechtsstaates - für die man ja tatsächlich Indizien finden kann - um friedlichen Protest handeln muss! Der aber werde immer mehr kriminalisiert. 
Für uns ist in dem Zusammenhang die Frage interessant, wer denn überhaupt feststellen kann, dass die freiheitliche demokratische Grundordnung in Gefahr ist. Jeder einzelne Bürger? Das Bundesverfassungsgericht? Die besorgniserregenden Entwicklungen in anderen Ländern, etwa Polen, Ungarn, Türkei, zeigen, dass die Ordnung besonders dann gefährdet ist, wenn das Verfassungsgericht eines Landes seine Unabhängigkeit verliert und geschwächt wird.....
 

Montag, 31. Juli 2017

Überblick nächste Etappe

Für die Etappe der GG-Wanderung, die ich am nächsten Montag (7.8.) in Rheinbach beginnen werde, fällt es mir schwer, einen Wanderplan im vorhinein zu entwerfen. Die Route ist zwar ungefähr klar, aber ich kann noch nicht abschätzen, wo ich Station machen werde und wieweit ich in der Woche komme.

Sicher ist jetzt, dass ich die erste Nacht in der Jugendherberge in Bonn verbringe und von dort am nächsten Morgen (8. August) über den Rhein setze und am Adenauerhaus eine Rezitation machen werde. Dann werden wir sehen, wie spät es ist, und wie weit ich noch kommen kann an dem Tag. Auf jeden Fall folge ich weiter dem Wanderweg der deutschen Einheit und laufe in Richtung Eitorf.


Von Eitorf geht es weiter über Bohlscheid, Schneppe und Altenherfen in Richtung Waldbröl.
Von Walsbröl über Hermesdorf, Erdingen Nosbach in Richtung Olpe. Da hoffe ich am Samstag anzukommen.
Ich bin dankbar über mögliche interessante Rezitationsorte, die auf dem Weg liegen und sich vielleicht nicht ganz offensichtlich zeigen!

Genaue Infos über meine Etappen und Übernachtungsorte gebe ich während der Wanderung hier. Nachfragen sind (sofern es Netz gibt) auch über handy möglich: 0151 22431293.

Freitag, 28. Juli 2017

Die GG-Wanderung im Radio

Für die WDR5-Sendung "Bücher" am 29. Juli, um 20.05 Uhr und am 30. Juli um 15.05 Uhr hat mich Christine Westermann zur Grundgesetzwanderung interviewt.

Hier kann man das Gespräch nachhören:

http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/buecher/auf-meinem-nachttisch/ralf-peters-100.html



In den USA gibt es übrigens eine ganz interessante Aktion der Künstlerin Morgan O´Hara, die Veranstaltungen organisiert, bei denen die amerikanische Verfassung mit der Hand abgeschrieben wird. Mehr dazu unter www:handwritingtheconstitution.com!

Samstag, 1. Juli 2017

Am 7. August geht es weiter!

Der zweite Teil der Grundgesetzwanderung wird am Montag, dem 7. August um 12.00 Uhr in Rheinbach am Hexenturm mit einer Rezitation der Grundrechte starten.
Danach geht es per pedes weiter in Richtung Bad Godesberg, über den Rhein nach Königswinter und dann mehr oder weniger an der Sieg entlang.
Die Wanderung wird, wenn das Wetter mitspielt, bis Samstag, 12.8. oder Sonntag, 13. 8. dauern.
Genauere Informationen über die geplante Strecke und die End- und Startstationen werde ich Mitte bis Ende Juli in diesem Blog geben.

Aus gegebenem Anlass: In Art. 6 heißt es, dass Ehe und Familie unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung stehen. Die Bedeutung dieses Artikels hat sich durch das Gesetz, das gestern vom Bundestag beschlossen wurde, nach dem nun die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften eingeführt wird, wesentlich verändert, ohne dass der Wortlaut anders geworden wäre. Ehe heißt nun nicht mehr dasselbe, was die Autoren des GG damit gemeint haben. Das ist  eine Möglichkeit, das GG zu aktualisieren, ohne seinen Wesensgehalt anzutasten.

Montag, 15. Mai 2017

Der siebte Tag: 14.5.2017 Bad Münstereifel - Rheinbach

Nach dem Eintauchen in die Frühgeschichte und dem neuerlichen Gruß an Europa stand heute eine (fast) rein persönliche Begegnung und Rezitation an.
Erst am Abend vorher habe ich herausgefunden, dass uns der Weg heute zum Friedwald bei Iversheim führen würde, auf dem zwei Menschen liegen, mit denen ich auf sehr unterschiedliche Weise künstlerisch verbunden war.
Wir haben uns sehr früh von der Jugendherberge und der netten Crew dort aufgemacht und sind zum Friedwald gegangen.
Am Baum von Terry Fox habe ich die erste und an diesem Tage einzige Rezitation gemacht.
 Terry Fox (1943 Seattle - 2008 Köln) war ein Künstler, der für meine künstlerische Arbeit und für die Art, wie ich meine Fragen und Aktionen angehe, in vieler Hinsicht prägend war. Seinem Werk und den Geprächen, die ich mit ihm in Köln über Jahre geführt habe, verdanke ich sehr viel. Meine Versuche, mit Stimme und Text Konzeptkunst und Performance Art zu machen, wären ohne seine Anregungen wohl nicht zustande gekommen.
Der zweite Mensch, der unter einem Baum in diesem Friedwald seine letzte Ruhestätte gefunden hat, war ein Gründungsmitglied des Ensembles KörperSchafftKlang: Heidrun Klein, im gleichen Alter wie Terry Fox, starb - nach schwerer Krankheit, wie es dann oft heißt - bevor KörperSchafftKlang 2009 sein erstes Projekt auf die Bühne gebracht hat.

Vom Friedwald ging es weiter über die Steinbachtalsperre in Richtung Rheinbach, eine lange und eher ereignisarme Strecke, die auf meinen Geist eine  verwirrende Wirkung ausübte. Nach Ankunft in Rheinbach habe ich mich deshalb entschieden, keine Rezitation mehr zu versuchen. Die wird daher den Startpunkt der zweiten Teils der Grundgesetzwanderung bilden. Der Termin dafür steht noch nicht fest. Wahrscheinlich geht es im August weiter.

Eine sehr intensive Woche ging in Rheinbach für mich zu Ende, fast zu intensiv. Der Text der Grundrechte entfaltet in der Rezitation eine Wirkung auf mich, die ich nicht vermutet hätte. Verstärkt wird sie noch durch die Eigenkraft vieler Orte, an denen ich halt mache. Nicht zu vergessen, die Menschen, die ich treffe, die ihre Neugierde, ihr Erstaunen, ihre Fragen mit mir teilen und/oder mein Projekt zum Anlass nehmen, von dem zu sprechen, was sie bewegt und was ihnen wichtig ist.
Von all dem bin ich sehr bewegt. Jetzt erstmal Luft holen und dann bin ich gespannt, wie es weitergeht.

Fundstück: der maigrüne Wald

Der sechste Tag: 13.5.2017 Vollem bis Bad Münstereifel

Am heutigen Tag ist mir endgültig klar geworden, dass mein Vorhaben, mit dem Grundgesetz durch Deutschland zu wandern, keine einfache Sache ist und sein wird. Der Text, die Orte, die Begegnungen mit Menschen, das alles ist sehr intensiv und oft sehr aufwühlend.

Heute morgen nach einem kleinen, mal wieder nicht beabsichtigten Schlenker über Weyer ging es noch einmal zu den Kakushöhlen und von dort in Richtung Pesch. Danach zum Matronen-Heiligtum in der Nähe von Nöthen, einer alten keltisch-römischen Tempelanlage, die offenbar unter anderen den drei Matronen gewidmet war, deren Steinrelief auch in der Kirche von Weyer gefunden wurde.
Dort habe ich an jedem der drei Tempelbezirke einmal die Grundrechte rezitiert. Das war ein merkwürdig beunruhigendes und starkes Erlebnis.
Ich kokettiere manchmal gerne mit meinem im Grunde magischen Weltverständnis. Aber an diesem Ort wurde mir es zwischendurch etwas mulmig. Am ersten Tempel hatte ich ganz stark das Gefühl von Widerstand, der von außen auf mich einwirkte. Als ob ich da nicht willkommen gewesen wäre. Die "Götter" dieses Ortes haben mich offenbar als Eindringling wahrgenommen. Das Grundgesetz als Konkurrent zu anderen "heiligen" Texten??
Im mittleren Tempel habe ich mich in ein mit Steinen bezeichnetes Sechseck gestellt, das einen geomantischen Punkt anzeigen soll. Da war ganz klar das Gefühl, dass meine Füße kribbelten, eine Empfindung, die vorher und nachher nicht wahrnehmbar war.
Im dritten Tempelraum gab es dann keine außergewöhnlichen Gefühle mehr, aber es blieb eine sehr anstrengende Aktion.

"Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet." GG Art.4, Abs. 2.
Das gilt auch für Orte wie das keltisch-römische Heiligtum.

Danach ging es weiter nach Nöthen, wo wir in der deutsch-französischen Bäckerei gerade noch mit Kaffee und Kuchen stärken konnten. Eigentlich war schon seit 12 Uhr geschlossen.

Dann haben wir uns an den Abstieg nach Bad Münstereifel gemacht, den wir mit Wassertreten am Kurgarten krönen konnten. Auf einer Karte am Straßenrand fand ich den Hinweis auf einen Europaplatz direkt an der Stadtmauer von Bad Münstereifel. Ein guter Ort für die nächste Rezitation, die ich dort um 15.30 Uhr gemacht habe.
Der Europaplatz erwies sich als Parkplatz mit einem kleinen Eck, wo neben zwei Bänken ein Stein steht mit den Emblemen der Partnerstädte.
Bad Münstereifel ist ja mittlerweile ein sogenanntes "City Outlet", also ein Ort, der sich ganz auf die Logik des Kapitalismus und des dazugehörigen Konsums verlässt, um "erfolgreich" zu sein. Das ist sicher ein Wagnis, denn die Aussicht auf Schnäppchen  zieht bestimmte Menschen an und stößt andere ab. Das muss man wollen...
Die Rezitation hat nach außen eine relativ schwache Resonanz entfaltet, die Passanten zeigten sich mal wieder scheu und vermieden den Kontakt. Nach innen war die Resonanz sehr stark und aufwühlend. Die Grundrechte erweisen sich durch die Wiederholung mehr und mehr als sehr wirksam auf mich und mein inneres System.
Aufstieg zur Jugendherberge in Rodert. Sehr anregende Gespräche mit Frau Keller vom Team und einem Wanderführer aus Köln.
Trotz eines Großaufgebotes von Vätern, die mit ihren Kindergartenkindern dort das Wochenende verbrachten, war die Nacht ruhig....

Fundstücke:
Esel mit Pony und Ziege





Freitag, 12. Mai 2017

Der fünfte Tag 12.5.17 Gemünd bis zu den Kakushöhlen


Heute standen die Rezitationen im Zeichen der alten und sehr alten Geschichte. Nach einem relativ entspannten Spaziergang von Gemünd über den Wackerberg nach Kall fand die erste Rezitation vor einem römischen kleinen Steinbruch statt. Als Erinnerung an die res publica, die für unsere Verfassung eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die attische Demokratie.
"Alle Macht geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und in besonderen Organen der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtssprechung ausgeübt." Der Artikel 20 GG weist auf die republikanische Verfassung hin: Gewaltenteilung, Repräsentation und die freien und gleichen Bürger als Souverän. Die Römer verstanden als Bürger nur einen kleinen Teil ihrer Bevölkerung. Erst in der modernen Republik wird die Idee vollendet, in dem vor dem Gesetz kein Unterschied mehr zwischen Menschen gemacht wird. "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich." Art.3, Absatz 1.



Mittagessen in Kall im Rewe, sehr gute europäische Zusammenarbeit von griechischem Imbiss und deutscher Bäckerei! Gestärkt ging es weiter in Richtung Keldenich - für den Aufstieg war die Stärkung auch notwendig! -  durch Urfey nach Weyer. In Keldenich und in Weyer stehen zwei alte und beeindruckende Kirchen. Die in Keldenich ist der heiligen Brigida geweiht; in Weyer hat man bei Restaurierungsarbeiten in den 1950er Jahren einen in den Altar eingebauten  keltischen Matronenstein gefunden, der ein Relief der drei Matronen zeigt. Auf der Rückseite war zum Zwecke der Christianisierung eine Aushöhlung mit einer Reliquie eingefügt.  Eine Kopie des Steines steht heute in der Kirche und eine andere am Matronenheiligtum in Nöthen.
Die Kirche in Weyer:

An der Kirche  haben wir eine Frau getroffen, die sich bei den keltischen Frauen offenbar Kraft und Trost holen wollte. Ihre Geschichte, die sie uns erzählte, ist wie ein Kommentar zu dem Satz "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Art.3, Abs.3, genau genommen zu der Schwierigkeit, diesen Satz auch praktisch umzusetzen. Die Details der Geschichte will ich hier nicht ausbreiten, aber es ist deutlich geworden, dass schon kleine "Fehler" oder falsche Entscheidungen auf die Grundsituation von Behinderten und ihren Familien dramatische Auswirkungen haben können.

Von Weyer ist es nicht mehr weit zu den Kakushöhlen, einem Ort, an dem seit 300 000 Jahren Menschen sind. Vom homo Heidelbergensis über den Neandertaler bis zum modernen Touristen. Dort in der großen Höhle fand die zweite Rezitation des Tages statt. Eine interessante Frage ist, ob die Grundrechte des GG auch für die Menschen gelten, die nicht mehr leben und/oder aus der Urzeit stammen. Das hätte beispielsweise Auswirkungen auf die Ausgrabungspraxis an Orten mit menschlichen Funden.
Was heißt es also, wenn von universalen Menschenrechten die Rede ist?





Herberge gefunden in Vollem, in der offenbar einzigen Unterkunft auf dem heutigen Weg. Seltsamerweise gibt es in der Gegend so gut wie keine Übernachtungsmöglichkeiten. Das Haus in Vollem ist aber sehr nett und das Großbauernomelett sehr zu empfehlen.

Fundstück:

ein neuer Begriff: "kammstrichartige Schlegelspuren!



Donnerstag, 11. Mai 2017

Der vierte Tag 11.5.17 Heimbach bis Gemünd

Heute morgen fand die erste Rezitation im Hof der Kunstakademie  Heimbach statt, neben einer Figur des Bildhauers Nettesheim.


Danach hatten wir ein sehr anregendes Gespräch mit Frau Helle von der Akademie. Von der Frage, um welche Art Text es sich beim GG handelt bis zur Neuübersetzung der Lutherbibel. Dann der Aufstieg  zum Kloster Mariawald. An der Kriegsgräberstätte eine weitere Rezitation, für​ mich die bislang bewegendste. Dort liegen 414 zumeist sehr junge Menschen, die im Krieg ums Leben gekommen sind. Das besondere ist, dass es sich hier nicht nur um junge Soldaten handelt, sondern auch um ein paar junge Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen in der Eifel waren und bei einem Bombenangriff ums Leben kamen.
So viele junge Menschen haben ihr Leben gelassen für den Wahnsinn. Und die Entstehung des GG war auch eine Folge dieses Schreckens.


Weiter ging es nach Wolfsgarten und dann nach Gemünd, wo ich für 18h eine Rezitation vor dem Kunstforum angekündigt hatte. Die Presse war in Person von Herrn Kehren anwesend, außerdem einer der großen Kenner der Kriegsgeschichte in der Eifel, Herr Heinen. Und eine Zuhörerin, die in der Zeitung davon erfahren hat. Samstags erschien dann ein Artikel in der Kölnischen Rundschau, den ich gerne per E-Mail zuschicke.


Nach der Rezitation ein gutes Gespräch mit Herrn Heinen im benachbarten Brauhaus (nichts für Vegetarierer!). Er beschäftigt sich gerade mit der bewegenden und schlimmen Geschichte der Zwangsarbeiter in der Nordeifel. Abgesehen von der unglaublichen Zahl von Zwangsarbeitern, die es dort gab, war für mich u.a. neu, dass viele von ihnen in KZs gestorben sind, nach Denunziationen wegen "Faulheit" oder "Arbeitsverweigerung". F.A. Heinen wird ein Buch darüber publizieren!

Fundstücke:

Mittwoch, 10. Mai 2017

Der dritte Tag: 10.5.17 Simonskall bis Heimbach

Am Morgen habe ich mit einer längeren Rezitation vor dem Junkerhaus in Simonskall begonnen. Dort lebten ab 1919 die Künstler der Kalltalgemeinschaft. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit nach den Schrecken des ersten Weltkrieges, das war das Ziel dieser Gruppe. Zu ihnen zählten unter anderen Angelika Hoerle, die mit nur 23 Jahren starb, Franz W.Seiwert, der Maler Franz Nitsche, Carl Oskar Jatho und seine Frau Käthe Jatho-Zimmermann, aber auch Otto Freundlich, der in einer Ausstellung im Museum Ludwig gerade neu entdeckt wird. 




Weiter​  ging es durch den Wald nach Schmidt. Dort fand die zweite Rezitation des Tages an der Kirche St. Hubertus statt, neben einem Kreuz, das offenbar aus Granatsplittern usw. aus dem Hürtgenwald geformt wurde. Ein sehr dezenter Ort des Gedenkens. 

Auf dem Weg nach Schmidt sind wir sozusagen zweimal zufällig auf eine Gruppe von drei Frauen gestoßen, denen ich von der GG-Wanderung erzählte. Zwei davon schienen sehr interessiert, auch wenn die Motivation für das Interesse für mich eher im Dunkeln blieb. Es gab eine Assoziation zum Jakobsweg und die Vermutung, dass es auf der Wanderung viele unverhoffte Begegnungen geben würde. Ja, das stimmt.

Schon jetzt schält sich eine Tendenz heraus, nach der die interessanten Begegnungen sich nicht direkt im Zusammenhang mit den Rezitationen ereignen, sondern eher zu anderen Gelegenheiten, in denen es zum Gespräch kommt. Die Rezitationen erweisen sich im Moment in erster Linie als eine Kontaktaufnahme von Ich, Text und Ort. 

Irgendwie erinnert mich das an Robert Musils frühe Beobachtung, dass ein Ereignis erst zur Tatsache wird, wenn es in der Zeitung steht. So etwas ähnliches passiert mit meiner GG-Wanderung, die für die Leute primär nicht durch Teilhabe zur Realität wird, sondern durch die Benachrichtigung über ihre Existenz.

 


Das dann angestrebte und auch erreichte Tagesziel hieß Heimbach,  also anders als ursprünglich geplant nicht  Nideggen! Meine Mitwanderin Bettina H. ist in Schmidt allerdings nach Nideggen abgebogen und hat dort am nächsten Tag in Zerkall die Mühle ausfindig gemacht, in der das Papier für den Erstdruck des Grundgesetzes hergestellt wurde. Dorthin werde ich demnächst einen Ausflug machen!


Als Themen kamen mir heute die Begriffe Ablenkung und Umweg in den Sinn. Der Weg zum Grundgesetz scheint sich erst einmal durch einen Wald von Ablenkungsgelegenheiten und Umwegen schlängeln zu müssen. Die Umwege, die wir in den ersten Tagen gegangen sind, kommen mir wie ein metaphorisches Indiz vor, dass die Richtung der GG-Wanderung noch gefunden werden muss. Oder auch als Vorschlag für eine chinesische Strategie der Annäherung, die immer über die Umkreisung führt. 




Fundstücke:


und eine alte Turbine an der Staumauer in Schwammenauel:



Star wars in der Eifel?


Kasperletheater oder Beichtstuhl?
ein Relikt vm Westwall?