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Dienstag, 17. April 2018

Der 14. Tag: 17. April 2018

Am relativ frühen Morgen bin ich von der Vierbucher Mühle losgegangen zum eigentlichen Ausgangsort der Wanderung heute. Mich erwartete ein wunderbarer Frühlingsmorgen mit Sonnenschein, frischer und klarer Luft und einem sehr angenehmen Weg durch Wald und Aue. In Waldbröl gab es zwei bemerkenswerte Begegnungen, eine direkt vor meiner Rezitation und eine zweite kurz bevor ich Waldbröl wandernd verlassen habe. Es handelte sich um zwei Gespräche mit Menschen, die den Krieg noch am eigenen Leib erlebt haben und mit der Erinnerung sehr unterschiedlich umgehen.

Der erste Teil des Weges hieß Waldmythenweg, ein wie sich herausstellte eher irreführender Name. An der ersten Station wurde der "deutsche Mythos" Wald auf den römischen Schriftsteller Tacitus  bezogen, der zum ersten Mal in der Geschichte den Wald in "Germanien" beschrieb und auf seine dunklen, gefährlichen und geheimnisvollen Seiten hinwies. Durch die Gebrüder Grimm wurde dieses Bild vom deutschen Wald, das ja eigentlich aus der bildungstouristischen Feder des antiken Besuchers Tacitus stammte, zum Bestandteil des "deutschen" Selbstverständnis. (Unterstützt durch die französischen Märchen, die die Gebrüder Grimm in den Hugenottenfamilien in Kassel aufschnappten und zu den deutschen Hausmärchen machten.)
Bis ins Grundgesetz hat es der Wald allerdings nicht geschafft, ein Recht auf intakte Umwelt taucht dort nicht auf. Erst in Art. 20a ist davon die Rede, dort aber nur noch als nicht einklagbares Staatsziel.

Die zweite Schautafel des Waldmythenweges beschäftigte sich mit Robin Hood und bringt damit sozusagen den europäischen Aspekt des Mythos Wald ins Spiel. Wobei Robin Hood ja eher eine Legende ist und auf dem Mythenweg im Bergischen Wald nur auftaucht, weil es in diesem Gebiet auch so eine Art Robin Hood gegeben haben soll, allerdings erst im 19. Jahrhundert. Er hieß Carl Biebighäuser.

Die ganze Geschichte weist jedenfalls auf Art. 14, Abs. 2  hin: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Robin Hoods tauchen vielleicht immer dann auf, wenn dieser Artikel nicht beachtet wird. Dann müsste bald mal wieder einer die Wälder unsicher machen....


Die erste und einzige Rezitation des Tages fand in Waldbröl an der so genannten Friedensmauer (die manchmal auch Hitlermauer heißt) statt.

Sie stellte sich als eine olfaktorische Herausforderung dar, denn die Wiese vor der Mauer war kurz vor meinem Eintreffen geodelt und mit Gülle besprengt worden und stank entsprechend.

(ganz klein in der Mitte der Traktor. Mich wundert, dass es erstens anscheinend heute erlaubt ist, auch dann Gülle auszufahren, wenn kein Regen zu erwarten ist und zweitens, dass eine Wiese so nahe am Ort gelegen überhaupt geodelt werden darf.)






Die Friedensmauer ist eine Hinterlassenschaft der Nazis, die an der Stelle eine große Ausbildungsstätte für ihren jugendlichen Nachwuchs errichten wollten. Daraus ist nichts geworden, aber die Mauer steht noch. Vor einigen Jahren hat eine Schulklasse dort den Spruch "Nie wieder Krieg" angebracht und die Stadt war klug genug, ihn dort zu lassen.

Bevor ich mit der Rezitation beginnen konnte, hatte ich eine Begegnung mit einem alten Mann, der gemeinsam mit einem jüngeren (seinem Sohn?) oben auf der Mauer stand. Als er mich sah, sprach er mich an und fragte ziemlich laut und aggressiv, ob ich da Müll wegwerfen oder sammeln wolle. Ich habe erst gar nicht verstanden, was er wollte. Er meinte, dass ich nach Leergut suchen würde. Ganz schön unverschämt (Vielleicht muss ich doch demnächst mal wieder zum Friseur?) Ich habe ihm relativ klar geantwortet, aber zugleich wollte ich die Gelegenheit nutzen, ihn zum Sprechen zu bringen. Ich habe ihn nach der Mauer gefragt und er erzählte ihre Geschichte. Er wusste (natürlich), dass diese Woche der Geburtstag von Hitler sein würde und erzählte, dass während des Krieges Baldur von Schirach zu dem Anlass eine große Feier mit der HJ dort organisiert habe (Das muss wohl vor Kriegsbeginn gewesen sein, weil von Schirach danach kein "Reichsjugendführer" mehr war.)

Dann gab er noch die Anekdote zum Besten, dass anlässlich eines Besuches von Kanzlerin Merkel die Schrift auf der Mauer ausgebessert worden sei, "für die Politiker". Dass die Aktion, die Schrift aufzubringen, ursprünglich von Schülern initiiert worden ist, fand er gut. Ich habe ihm von meiner GG-Aktion erzählt und seine erste Frage war, wie ich das denn finanzieren würde. Meine Antwort schien ihn zu beruhigen und zum Schluss meinte er, ich sei ja ganz schön mutig und wir beide könnten noch lange miteinander reden. Dann ging er seines Weges .....
und als ich mit meiner Rezitation beginnen wollte, kam der Traktor wieder auf die Wiese gefahren. Anscheinend war dem Bauer nicht ganz geheuer, mich auf seiner Wiese zu sehen und er fuhr wieder weg.

Direkt vor der Schrift an der Mauer fand die Rezitation statt.




Der Geruch hatte sich mittlerweile verschlimmert und ich war froh, dort wieder weg zu kommen.










Danach ging es weiter in Richtung Olpe. Am Ortsende fand die zweite bemerkenswerte Begegnung des Tages statt. Eine ältere Dame, die ihren Rauhaardackel ausführte, freute sich, einen Wanderer zu sehen, was ihr anscheinend nicht oft passiert. Ich habe ihr gesagt, was ich mache und wo ich hingehe und dann sagte sie, sie sei in der Nähe von Görlitz geboren. Als kleines Kind flüchtete sie in einem Zug, der schwer verletzte Soldaten von der Front wegbrachte, nach Westen. Sie saß dabei auf den Pritschen, auf denen die Verletzten lagen und die Erinnerung daran hat sie augenscheinlich immer noch geschmerzt. Der Zug, in dem sie saß, führ über Dresden. Sie (ihre Familie?) entschieden sich, nicht dort zu bleiben, sondern noch weiter zu fahren und am nächsten Tag sahen sie aus der Ferne, wie Dresden (bei den Bombardements im Februar 1945) in Flammen stand. Wahrscheinlich - so meinte sie - hätte sie nicht überlebt, wenn sie in Dresden geblieben wäre.

Unsere ganze Lebenswelt ist anscheinend gespickt mit solchen Erinnerungen. Egal, ob sie erzählt oder verschwiegen werden, sie wirken kontinuierlich nach und haben den Aufbau der beiden Nachkriegsdeutschlande mitgeprägt. Bis heute leben wir mit diesen Erinnerungen, auch wenn wir sie konkret gar nicht kennen. Das Grundgesetz war eine direkte und starke Antwort auf die Zeit des Krieges und des Holocaust und darin, welche Grundrechte jeweils im Fokus unserer Gesellschaft stehen, spiegelt sich auch wieder, mit welchen Anteilen der Geschichte wir uns gerade beschäftigen und welche wir vernächlässigen.

Auf ungefähr halbem Wege nach Olpe (wenn man die Umwege nicht mitrechnet) bin ich für die Nacht in Wildberger Hütte im Landhaus Wuttke eingekehrt.

Fundstücke:



"Heimdecor" der anderen Art.



















viel Gegend hier.....

1 Kommentar:

  1. Eine Mitwanderin im Geiste und Leserin meines Wanderblogs hat mir folgende Ermutigung geschrieben, die zum Thema Mauer passt: "Lieber Herr Peters, ich möchte Ihnen einen Gedanken Camus‘ mit auf Ihren Weg geben, der nach Emersons Satz „ Jede Mauer ist eine Pforte“ anmerkte: „Wir wollen die Pforte und den Ausweg nicht anderswo suchen als in der Mauer, an deren Fuß wir leben...Die großen Gedanken, so ist gesagt worden, kommen auf Taubenfüssen in die Welt. Darum würden wir vielleicht, wenn wir aufmerksam lauschten, inmitten des Aufruhrs der Reiche und Nationen etwas wie schwaches Flügelrauschen vernehmen, das weiche Rascheln des Lebens und der Hoffnung.“ Solcherart - Ihre GG-Wanderung - vermittelt mir Ihre Aktion, für die ich Ihnen danken möchte. Weiterhin einen erquicklichen Weg!"
    Vielen Dank!

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