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Mittwoch, 18. April 2018

Der 15. Tag: 18. April 2018



Ein relativ großes Teilstück der heutigen Etappe verlief im akustischen und im Windschatten der Autobahn. Dreimal ging es über die A4 und dann einmal unter der A45 hindurch. Autobahnen sind, wie es so schön metaphorisch heißt, Verkehrsadern, die Menschen und Dinge dorthin bringen, wo sie hinsollen oder -wollen. In Deutschland haben die Autobahnen - wie so vieles - eine schwierige Geschichte, nicht nur, weil sie anfänglich von den Nazis gebaut wurden, sondern weil dieser Bau oft als die "gute Tat" der Nazis angeführt wird. Kein Kommentar.
Die A4 spielt für die GG-Wanderung insofern eine Rolle, als sie mit einigen Streckenunterbrechungenen von Aachen in die Nähe von Görlitz führt und so Start- und Endpunkt meiner Wanderperformance verbindet.

Grund genug, eine Rezitation direkt an und über der Autobahn zu machen, nämlich um 10.45 Uhr am ersten Übergang über die A4, am hinteren Brückenkopf.


Mich erinnern die Autobahnen außerdem an meinen Job als Radiosprecher, bei dem ich bis vor einigen Jahren auch die Verkehrsmeldungen gelesen habe, in den ersten Jahren für ganz Deutschland (im DLF) und später für NRW (im WDR). Die Tatsache, dass ich diese spezielle Tätigkeit heute nicht mehr ausübe, verweist auf Art. 12 des GG, nach dem die Berufswahl frei ist. Das Recht auf freie Berufswahl gilt nicht bedingungslos, sondern ist davon abhängig, welche Möglichkeiten sich bieten. Außerdem stellt es ein negatives Recht dar, denn ich muss keinen Job machen, den ich nicht machen will.

Man könnte allerdings mit guten Gründen in Zweifel ziehen, dass die heutigen Hartz IV-Regelungen mit Art. 12, mit oben erwähntem Abs. 1 und mit Abs. 2: "Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden...."  in Einklang stehen. Für einen Langzeitarbeitslosen ist die Berufswahl alles andere als frei und wenn er/sie sich weigert, "kooperativ" zu sein, kann ihm oder ihr das Geld gestrichen werden. Das könnte als Verstoß gegen Art 12, Abs. 2 verstanden werden.Dahinter steckt meines Erachtens die für unsere Epoche charakteristische Überbewertung der Arbeit, oder genauer der Erwerbsarbeit für das Selbstverständnis des modernen Menschen. Aber das ist ein anderes Thema, das nicht direkt mit den Grundrechten des GG in Zusammenhang steht.

Danach ging es weiter nach Olpe. Dort angekommen bin ich durch eine Beobachtung, die ich in so gut wie allen Orten der April-Wanderung gemacht habe, zu einer eher beunruhigenden Frage gekommen. Mir ist aufgefallen, wie viele Häuser in den meist kleineren Orten eine Fahnenstange vorne stehen haben, an der manchmal eine Deutschlandflagge in Schwarz-Rot-Gold hängt. So weit so merkwürdig. Befremdlich ist aber für mich noch mehr, dass vor vielen Häusern die Flagge eines Fußballvereins hängt, manchmal in völlig überdimensionierten Ausmaßen.
Das ist bizarr und ich frage mich, ob damit das Verlangen nach Zugehörigkeit und Identifikation in Aktion gezeigt wird. An diesem Wunsch ist ja nichts falsch. Beunruhigend daran ist für mich eher, dass einige Leute in dieser übertriebenen Form ihre Zugehörigkeit mit Flaggen herausposaunen, anscheinend unbekümmert darum, ob die anderen das so sehen oder hören wollen. Dem Fußballclub wird damit die Leitfunktion für das eigene öffentliche Selbstverständnis gegeben. Was treibt Menschen, ihr für andere doch ziemlich nebensächliches Bekenntnis zu einem Sportverein so ins öffentliche Zentrum zu stellen?
Für unser Thema ist es interessanter zu fragen, ob das GG, und besonders die Grundrechte, ähnliche identitätsstiftende Qualitäten entwickeln könnte. Verfassungspatriotismus ist dazu das Stichwort.

Doch das Grundproblem liegt womöglich tiefer. Heute ist es für viele Menschen ein großes Bedürfnis, ihre Identität als Zugehörige zu einer bestimmten Gruppe öffentlich zu machen. In vielen auch politischen Debatten geht es oft nicht mehr primär um die Argumente, sondern darum, wer sie vorbringt und inwiefern die Argumente nur die Identität des Debattierenden wiederspiegeln. (Schlechte Karten haben in den meisten Debatten zur Zeit alte, weiße Männer....) Ich fürchte, unter dieser Tendenz leidet der Austausch von Argumenten in Diskussionen mehr als die Debatte dadurch gewinnt. Es scheint wichtiger geworden zu sein, welche Identität jemand vor sich herträgt als was er/sie zu sagen hat.
Das GG sichert in Art. 3 ab, dass niemand wegen seiner Identität bzw. "wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse (??), seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen  benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Das ist sehr weise.

(Nebenbei stellt sich die Frage, ob es ein bloßer Zufall ist, dass eine neuere rechtsextreme Bewegung sich den Namen "Die Identitären" gewählt hat. Das Primat der Identität eignet sich nämlich sehr dazu, bestimmte Menschen auszuschließen oder gar zu bekämpfen, weil sie vermeintlich nicht dazu gehören.)

In Olpe angekommen habe ich direkt die von Ewald Mataré gestaltete Gedenkstätte gesucht, die an der Stadtmauer im Zentrum der Stadt liegt, und ich konnte zuerst gar nicht glauben, sie gefunden zu haben. Ich habe mich in den vergangenen Monaten ein wenig mit Mataré beschäftigt, als einem Vertreter der rheinischen Moderne und als Lehrer von Joseph Beuys. Die Arbeit in Olpe zählt für mich nicht zu den Glanzstücken seines Werkes. Ein großes goldenes Kreuz, eine schwarze Kette mit Totenköpfen und eine Steinplatte mit der Aufschrift:  

Gefallen - Erniedrigt - Gehetzt. 
Wachet für Freiheit und Recht.






Jedenfalls habe ich dort die zweite Rezitation des Tages gemacht, und zwar um 15.15 Uhr.















Die Suche nach einer Unterkunft gestaltete sich erstaunlich schwierig und zuguterletzt bin ich in Eichhagen gelandet. Das liegt nicht ganz auf meinem Weg, sondern etwas nördlicher direkt am Biggesee.

Fundstücke:
schwarz-rot-gold à la Mataré:



zwei Einträge ins Gästebuch. Welcher stammt von mir?


Kommentare:

  1. Dein Herberge-Suchen scheint ja ein bestimmender Farbton auf diesem Wander-Abschnitt zu sein.
    Hoffentlich wird morgen Abend eine andere Frage aufgelegt.

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  2. Lieber Ralf, in der Tat, leicht wurde dir das Suchen einer Unterkunft in letzter Zeit nicht gemacht. Es wurmt mich ja immer noch, dass es mir nicht gelungen ist, dir eine anständige Unterkunft in Waldbröl zu verschaffen.
    Umso mehr hoffe ich, dass das das gute Wetter und eine heute Autobahn-freie Etappe dich für die Beschwerlichkeiten der Unterkunftssuche entschädigen und du guter Stimmung bleibst.

    Axel

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